2017 - Serie zum Lutherjahr -
Die Reformation passierte einfach

Ablassurkunde
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Die Geschichte des Grazer Protestantismus

Die Türken sind eine ständige Bedrohung, die Ungarn greifen ebenfalls an. Heuschrecken, Pest und Hochwasser tun das Ihre. Not und Elend sind groß, vor allem im Katastrophenjahr 1480. Die Schuld wird den Juden gegeben. Die Grazer Bürger beweisen Frömmigkeit und stiften das Gottesplagenbild an der Stadtpfarrkirche Sankt Ägydius, im Volksmund St. Gilgen genannt. Diese Kirche, den späteren Dom, baut Friedrich III. zusammen mit einer Stadtburg zur heutigen Größe aus.

Kaiser Maximilian I. (1459–1519), der Sohn von Friedrich III., lässt die Doppelwendeltreppe erbauen (1499), ist aber selbst kaum in Graz. Die Minoriten zu Graz werden von ihm wegen zu loser Sitten vertrieben und ihr Kloster im Kälbernen Viertel den Franziskanern übergeben. Auch die Juden werden von Maximilian I. 1496 ausgewiesen. Das Bistum Seckau ist durch 40 Jahre vakant.

Armut breitet sich in Graz aus, Verbrechen nehmen zu, die Sitten verrohen, generell und auch bei den Geistlichen und Ordensleuten. In der Kirche besteht allgemein ein großer Reformbedarf. Im Klerus leben, laut Visitationsberichten, sehr viele mit angetrauten Frauen oder Konkubinen zusammen und haben Kinder. Die Unzufriedenheit der Grazer Bevölkerung steigt, die Achtung vor der Geistlichkeit sinkt. Unzufrieden ist aber auch der unzureichend ausgebildete und schlecht bezahlte niedere Klerus. Es entsteht ein geistliches Proletariat mit revolutionärem Potenzial. 1518 erheben steirische Adelige auf dem Innsbrucker Gesamtlandtag „am lautesten von allen ihre Stimme gegen die kirchliche Unordnung und geistliche Zuchtlosigkeit“ in ihrem Land. Der Ruf nach Reformen in der Kirche generell besitzt im frühen 16. Jahrhundert eine ähnliche Qualität wie heute etwa der Ruf nach Umweltschutz oder Nachhaltigkeit.

In dieses soziologische Biotop auf Grazer Boden sickern die Meldungen über eine neue Glaubensbewegung aus dem fernen Sachsen.

Die Reformation in der Steiermark passiert dann einfach, ohne Zutun von außen. Die Anfänge sind eher zufällig. Über mehrere Quellen erfahren die Grazer von den Predigten und Schriften eines Augustiner Eremiten und Universitätsprofessors Dr. Martin Luther (1483–1546). Solche Informationen kommen erst einmal von den Söhnen steirischer Adeliger und wohlhabender Bürger, die in Deutschland, in Tübingen, in Rostock, vor allem aber in Wittenberg studieren und alles hautnah miterleben, manche auch Luther und seine Predigten. Dann gibt es jede Menge von gedruckten Flugblättern und Schriften sowie einen historisch bezeugten Briefwechsel zwischen Graz und Wittenberg. Die Händler solcher Schriften werden allerdings als „Vergifter“ streng bestraft. Und letztlich erzählen die aus Thüringen und Sachsen in die Obersteiermark kommenden und von Luther begeisterten Bergknappen von all diesen Dingen. Auch von den Reaktionen auf Luther seitens Kirche und Kaiser erfahren die Grazer, auch dass man nun das Neue Testament in einem flüssigen Deutsch lesen kann, weil Luther es im Asyl auf der Wartburg 1522 übersetzt hat.

 

Ernst Burger, Geschichte und Geschichten des Grazer Protestantismus, Vortrag am 12. Mai 2017 in der Herz-Jesu-Kirche Graz (Auszug). Der ganze Vortrag ist abrufbar unter: www.sonntagsblatt.at

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Die kirchliche Ablasspraxis wurde von Martin Luther und den Reformatoren von Anfang an heftig kritisiert. Für Luther zeigt sich die verkehrte Bußgesinnung vor allem beim käuflichen Erwerb eines Ablassbriefes, durch den der Erlass zeitlicher Sündenstrafen im Fegefeuer bescheinigt wurde.
Die Ablassurkunde (links) stammt aus dem Jahr 1500. Sie wurde vom Sekretär des Abtes, Wilhelm Lantzhuetter, aus dem obersteirischen Benediktinerstift St. Lambrecht angefordert.

In: Ausstellungskatalog zu: „Ein Hammerschlag …“ 500 Jahre evangelischer Glaube in der Steiermark. Museum für Geschichte, Sackstraße 16, bis 7. Jänner 2018, Öffnungszeiten: Mi–So, 10–17 Uhr.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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