Christentum - Ein Reiseführer - Etappe 045
Das Kreuz verstehen

Christus, romanische Kreuzigungsgruppe in der Basilika von Seckau.
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Den Weg bis zum Ende gehen

Diese Sinnspitze lässt nach der theologischen Bedeutung dieses Todes fragen. Dabei ist erneut daran zu erinnern, dass Jesus mit seiner Menschwerdung zugleich das Los des Todes gewählt hatte. Als Mensch war er sterblich. Aber warum musste es dieser frühe, dieser entehrende und vor allem dieser grausame Tod sein?

Die frühe Kirche suchte nach Erklärungen auf diese Frage. Sie ging dabei viele Wege: Sie sprach vom notwendigen Leiden des Gerechten in einer ungerechten Welt ebenso wie vom Lebenseinsatz, den der gute Hirte für seine Schafe bringt (vgl. Joh 10,11–18). Sie nutzte alte Vorstellungen eines Sühnopfers ebenso wie das aus der Schuldsklaverei stammende Verständnis eines Loskaufs aus der Gefangenschaft (vgl. z. B. Mk 10,45; Kol 2,14). Die Vielzahl dieser Vorstellungen zeugt von dem Erklärungsdruck, den man angesichts der Ungeheuerlichkeit des Geschehens empfand. Vielsagend ist, dass die verschiedenen Erklärungsmodelle nebeneinander stehen blieben und sich bis auf den heutigen Tag in der Bibel finden. Dieser Umstand belegt, dass keines dieser Modelle das Ge-heimnis des Kreuzes für sich ganz auszuloten vermag. Selbst die beste aller Erklärungen kann nicht dazu dienen, aus dem Kreuz Jesu etwas anderes zu machen, als das, was es ist: ein Stachel im Fleisch der Menschheit.

Aus der Vielzahl der in der Bibel vorgebrachten Erklärungen wählte die Christenheit im Laufe ihrer Zeit einzelne aus, deren Erklärungskraft sie besonders ansprach. Bei ihrer Auswahl spielten kulturelle Kontexte eine wichtige Rolle. So geschah es, dass der römisch beeinflussten Westkirche vor allem jenes Modell einleuchtete, das den Tod Jesu als ein Sühnopfer deutete, welches für die Sünden der Menschen dargebracht werden musste. Dass gerade dieses Erklärungsmuster und nicht ein anderes gewählt wurde, erklärt sich aus der Sicht der Theologiegeschichte mit einem für die römische Welt typischen ausgeprägten Rechtsdenken. Dieses betrachtete die Sünden der Menschen als ein Vergehen, das Sühne und Genugtuung verlangte. Die weltläufige Logik lehrte, dass in einem solchen Fall einer für den entstandenen Schaden einstehen musste. Da die Menschen von dieser „Satisfaktionsleistung“ überfordert waren, trat dem Vorstellungsmodell zufolge Jesus für sie ein und leistete die notwendige Genugtuung. Jesus wurde so vor allem im Bild des Opferlamms gesehen, das für die Sünden der Welt geschlachtet werden musste. Die Begegnung mit der germanischen Welt, die in diesem Punkte ähnlich empfand wie die römische, verstärkte die einmal getroffene Wahl zusätzlich.

Ganz andere Wege hingegen beschritt die Ostkirche. Sie schloss sich stärker an das Verständnis des guten Hirten an, der für das Wohl seiner Schafe das Letzte gibt, wenn es sein muss sogar sein Leben. Unter diesem Bild entwickelte die Ostkirche Vorstellungen, die Jesus nicht als Sühnopfer, sondern in verschiedenen Rollen des Helfers und Retters zeigen, der sich für seine Schutzbefohlenen verzehrt. So versteht die Ostkirche Jesus Christus weniger als Opferlamm, sondern wählt etwa das Bild eines Lehrers, der die Menschen durch seine weise Lehre zum Leben führen will. Daneben kennt die Ostkirche das Bild des Arztes, der sich bis zum Äußersten einsetzt, um die Menschen zu retten, die durch die Sünde wie durch eine Krankheit geschwächt sind.

Die Christenheit der Westkirche hat das von ihr bevorzugte, auf dem Sühnegedanken basierende Modell über Jahrhunderte hin als angemessen betrachtet und mit Gewinn verwendet. Mittlerweile hat dieses Modell seine Erklärungskraft jedoch weitgehend eingebüßt: Mit dem kulturellen Wandel zur Moderne und ihrer ausdrücklichen Wertschätzung jedes einzelnen Menschenlebens empfindet man den Gedanken vom stellvertretenden Sühnetod eines Menschen, der für andere den Tod auf sich nimmt, um deren Schuld zu sühnen, als schwierig, ja als geradezu unmoralisch (diese Position vertrat insbesondere Immanuel Kant, 1724–1804). Erklärungen, die den Tod Jesu als Sühnetat für die Sünden der Menschen vorstellen, errichten heute in der Regel mehr Hürden, als sie beseitigen.

 

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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