Meine Lieblings-BIBELSTELLE
Koh 1,9 | Martin Wildberger

"Es gibt nichts Neues unter der Sonne" (Koh 1,9)
Dieser Satz wird oft als nihilistisch oder verzweifelt interpretiert. Gerade in einer eit, in der nur das Neue einen Wert zu haben schein. Nur das neue Handy, der neue Film, die neue Idee sind für viele Menschen von Interesse und faszinieren. Aber das Neue erschreckt auch. Ein neuer Krieg, eine neue Partei und nicht zuletzt eine neue Krankheit versetzen uns in Angst.
Und doch: Faszinieren sie uns nicht auch? "Bad news are good news", heißt es bis heute in weiten Teilen der Medien. Wir hungern nach Neuem, noch nie Dagewesenem, Unbekannten. Und dieser Hunger kann nicht gestillt werden. Wir suchen den "Gewinn" im Unvertrauten, weil das Vertraute uns nicht füllt. Ob es ein neues Produkt ist, eine neue Politik oder einfach nur ein neues Accessoire. Aber das neue, das Fremde, es bleibt immer ein tremendum et fascinosum, ein Erschreckendes und Anziehendes, ein Ort der Abscheu und der Sehnsucht. Dem widersetzt sich Kohelet. Er sagt, dass das Neue nur das Alte in vielleicht anderem Gewand ist. Das Internet ist nicht neu. Ob die Menschen mittels reitendem Boten kommunizieren, auf dem Marktplatz oder mittels Keilschrift, es bleibt Kommunikation. Ob die Menschen durch Schwerter, Maschinengewehre oder durch Atombomben sterben, es bleibt Krieg. ob die Menschen unter der Pest, Ebola oder unter Corona leiden, es bleiben Krankheiten. Und schließlich: ob es eine Umarmung, ein Kopf an einer Schulter oder ein Kuss ist, es bleibt Zuneigung.
Und deshalb werden wir das neue Erschreckende meistern und uns am neuen Faszinierenden erfreuen. Es ist alles in der göttlichen Schöpfung grundgelegt. Diesen Trost will uns Kohelet spenden.

Mag. Martin Wildberger, katholischer Theologe

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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