Welttag der Kranken
Begegnungen auf heiligem Boden

Die Nähe ist in der Tat ein kostbarer Balsam, der dem Leidenden in seiner Krankheit Stütze und Trost gibt, schreibt Papst Franziskus zum Weltkrankentag.
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  • Die Nähe ist in der Tat ein kostbarer Balsam, der dem Leidenden in seiner Krankheit Stütze und Trost gibt, schreibt Papst Franziskus zum Weltkrankentag.
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Zum Welttag der Kranken am 11. Februar verbinden zwei Krankenhaus-SeelsorgerInnen ihre Erfahrungen mit Gedanken aus der Botschaft von Papst Franziskus zu diesem Gedenktag.

Papst Franziskus meint zum Welttag der Kranken, dass es wichtig ist, sich auf die Bedürfnisse des Nächsten einzulassen. Wenn dem nicht so ist, dann fehle der Zusammenhang zwischen „dem Glaubensbekenntnis und dem wirklichen Leben“, so Franziskus. Wie sehen Sie das?

Michaela Hirzer-Weiß: Wer an einen Gott glaubt, der sich ganz und gar in jedem Augenblick auf diese Welt einlässt, kommt wohl selbst um das „Einlassen“ nicht herum. Wenn wir als lebendige Menschen mit offenen Sinnen leben, lassen wir uns berühren – von allem Schönen aber auch von Leid und Not.
Jede/r von uns hat dazu sehr unterschiedliche Möglichkeiten, Fähigkeiten und kreative Ideen. Nachfragen muss ich beim anderen: Was möchtest du? Was kann ich dir tun? Und bei mir selbst: Auf welche Bedürfnisse möchte ich und kann ich antworten? Was überfordert mich? Wo kann ich mir Verbündete suchen?

Alexandru Suciu:
Neben den momentanen krankheitsbedingten Bedürfnissen finde ich auch Ur-bedürfnisse des Angenommen-, Angesehen- und Verstanden-Seins. Jeder Mensch ist auf einen Nächsten angewiesen: im Aufwachsen, Aufblühen, Genesen oder Sich-Verabschieden.
Im Krankenhaus findet jede Begegnung auf einem „heiligen Boden“ statt. Ich betrete den „heiligen“ Raum, der jedem Patienten – auf die Dauer seinen Aufenthaltes – gehört. Diesen Raum darf ich mit Fürsorglichkeit, Ehrfurcht, Neugier und Hochachtung betreten (siehe Ex 3,3). Mit diesem Glauben lässt sich in jedem Menschen Gott begegnen.

Im Schreiben wird die Bedeutung des Zuhörens, des direkten persönlichen Kontaktes, der Empathie und der Betroffenheit hervorgehoben. Sich vom Leid anrühren lassen – wie ist das unter den jetzigen Bedingungen durch Corona im Krankenhaus möglich? Und ist nicht Abgrenzung vom Leid genauso notwendig? Wie erleben Sie das?

Alexandru Suciu: Direkter persönlicher Kontakt und Begegnung sind Grundbausteine des Seins. Es gibt kein Ich ohne Du. In Begegnung entfalten sich Empathie, Zuhören, Mitleid, Segen, Kommunikation, Mitteilen und Teilhabenlassen am Leben oder Leid.
Physisches Leid ist nicht leicht zu verbergen – seelisches Leid hingegen ist oft ein Tabuthema. Das Leid deines Nächsten respektvoll zu betrachten und vielleicht auch anzunehmen ist keine Selbstverständlichkeit. Uns SeelsorgerInnen steht es offen, uns in regelmäßigen Abständen in der Supervision Dinge von der Seele zu reden. Am Anfang der Pandemie – März 2020 – waren die meisten Krankenhäuser mit dem Unbekannten konfrontiert und führten ihren Betrieb auf einem sogenannten Minimum. Ab Mai wurde es uns und anderen Berufsgruppen mit den vorgegebenen hygienischen Vorschriften – Hände desinfizieren, MNS-Masken tragen und dem bekannten „Babyelefanten-Abstand“ – ermöglicht, unseren Dienst am Menschen wieder aufzunehmen.
Die Monate März und April 2020 waren sowohl für Patienten als auch für das Krankenhauspersonal sehr anstrengend. Die „Öffnung“ im Mai war wie ein Fest des Wiedersehens. Momentan sind wir, trotz hartem Lockdown, dank der Verantwortlichen in Kirche und Politik als systemrelevant betrachtet und dürfen unseren Mitmenschen (fast) wie gewohnt beistehen und sie begleiten.

Michaela Hirzer-Weiß: Persönliche Begegnungen mit Patientinnen und Patienten waren auch für mich eine Zeitlang nicht möglich. Mittlerweile kann ich meiner Arbeit – unter Einhaltung aller Schutzmaßnahmen – ebenfalls wieder nachgehen. Leidtragend in der Pandemie ist auch das Personal in der Pflege, im Reinigungsdienst, im ärztlichen Dienst, im patientennahen Bereich. Ich möchte mich in der seelsorglichen Arbeit berühren lassen von dem Menschen, der mir gerade gegenüber ist. Dieser Mensch ist immer mehr als das Leid, das ihn unmittelbar beschäftigt und bedrängt. Er ist eine Welt für sich mit dem ganzen Reichtum seines Lebens, mit seiner eigenen (Glaubens-)Geschichte, seinen Vorstellungen und Werten und mit der Fähigkeit, sich anzuvertrauen.
Es hilft, die Grenzen zu sehen, die schon da sind: Ich kann nicht in die Haut eines anderen schlüpfen und ihm Schmerzen abnehmen. Es hilft, hier und jetzt präsent sein zu wollen, aber auch zu wissen: Ich muss dann wieder nach Hause zu meinen Kindern. Es hilft, zu sehen, dass meine Arbeit Stückwerk ist, ein kleiner Teil im großen Ganzen. Es hilft, sich mit den eigenen Bedürfnissen und Lebensschmerzen anzufreunden und einen sanften Umgang mit ihnen zu pflegen.


Papst Franziskus blickt auf Ijob und räumt jene Vorstellungen aus dem Weg, dass Leiden eine Strafe sei, ein Zustand der Gottesferne und Zeichen von Gottes Gleichgültigkeit. Wie häufig treffen Sie diese Vorstellungen in Ihrer Arbeit an? Was ist Ihre Sicht dazu?

Michaela Hirzer-Weiß:Mit einem Seufzer wird manchmal die eigene Befindlichkeit so angesprochen: „Was habe ich angestellt, dass Gott oder das Leben mich so straft?“ Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, in dem wir tatsächlich konkret gefunden haben, was jemand „angestellt“ hat, um die Krankheit als Strafe zu „verdienen“. Wenn wir die Botschaft Jesu ernst nehmen, dann ist das Leid, das in der Welt geschieht, niemals Strafe Gottes.
Wie passt die Erfahrung von Leid und Schmerz mit der Rede von einem guten Gott – von dem wir gelernt haben, dass er uns behüten will, dass er für uns sorgt – zusammen? Durch die Arbeit im Krankenhaus hat sich für mich die Frage verschoben: Wie behütet Gott im Schmerz, wie sorgt er im größten Leid, wie führt er in den Abgründen des Lebens? Der biblische Gott verspricht uns kein leid- und schmerzfreies Leben. Mein Glaube ist, dass Gottes Gegenwart immer noch tiefer reicht, dass das Heilsame tiefer geht als das Schmerzvolle. Davon erzählen mir auch PatientInnen, von Erfahrungen des Aufgehobenseins in einer schweren Situation. Machbar sind solche Erfahrungen nicht. Ich kann da nur Mitfragende, Mitsuchende, Mitaushaltende, Mitstaunende sein.
Und auch selbst mit Gott im Gespräch bleiben.

Alexandru Suciu: Die Theodizee-Frage (Anm.: Warum gibt es Leid, obwohl wir an einen guten Gott glauben?) beschäftigte Hunderte von Generationen und begleitet alle Religionen. Auch die monotheistischen Religionen sind davor nicht gefeit. Aus meiner Sicht könnte die Frage ein heiliges Mysterium bleiben. Wer jedoch eine Antwort darauf sucht, findet in der Heiligen Schrift – als Ganzes – eine gute Begleiterin. Daraus kann jeder für sich selbst Kraft fürs Leben schöpfen.

Was ist Ihre persönliche Botschaft am Welttag der Kranken?

Alexandru Suciu: Einem Menschen begegnen und in die Augen schauen eröffnet ein wunderbares Universum, das Leben heißt!

Michaela Hirzer-Weiß:Ob gesund, krank oder etwas dazwischen: Alles ist Leben. Und kostbar. Und in allem lässt sich Gott suchen und finden, vielleicht auf eine überraschend neue Weise.

Die Fragen stellte Sabine Petritsch.


Krankheit und Leiden sind keine Strafe Gottes

Liebe Brüder und Schwestern

Der 29. Welttag der Kranken am 11. Februar 2021, Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes, ist eine gute Gelegenheit, um den Kranken und denen, die ihnen in Kranken- und Pflegeheimen oder im Schoß der Familie und in den Gemeinden beistehen, ein besonderes Augenmerk zu schenken. Ganz besonders denke ich dabei an alle, die auf der ganzen Welt an den Folgen der Coronavirus-Pandemie leiden.
Das Motto dieses Welttages, „Nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ (Mt 23,8), stammt aus einem Abschnitt im Evangelium, wo Jesus die Heuchelei derer kritisiert, die reden, aber nicht handeln (vgl. Mt 23,1–12). Wenn sich der Glaube auf sterile Wortspielereien beschränkt, ohne mit der Geschichte und den Bedürfnissen des Nächsten zu tun zu haben, dann fehlt es an Kohärenz zwischen dem Glaubensbekenntnis und dem wirklichen Leben. Das ist eine große Gefahr; deshalb verwendet Jesus starke Ausdrücke, um vor der Gefahr der wachsenden Selbstvergötterung zu warnen.
Die Krankheit zwingt zu einer Sinnfrage, die sich im Glauben an Gott richtet. (…) In diesem Zusammenhang ist die biblische Figur des Ijob aufschlussreich. Weder seiner Frau noch seinen Freunden gelingt es, ihm in seinem Unglück beizustehen. (…) Ijob versinkt in einen Zustand der Verlassenheit und des Unverstandenseins. Aber genau durch diese extreme Gebrechlichkeit hindurch und indem er jede Heuchelei zurückweist (…), dringt sein beharrliches Rufen bis zu Gott, der schließlich antwortet und ihm einen neuen Horizont eröffnet. Er bestätigt, dass sein Leiden keine Strafe ist, und auch kein Zustand der Gottesferne oder ein Zeichen seiner Gleichgültigkeit. Deshalb strömt aus dem verletzten und wieder geheilten Herzen Ijobs diese bewegte Aussage über den Herrn: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (Ijob 42,5).

Die gesamte Botschaft von Papst Franziskus zum Welttag der Kranken finden Sie unter www.vatican.va oder www.vaticannews.va

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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