Erzbischof Franz Lackner im Interview
Weniger Aufgeregtheit, mehr Vertrauen

Erzbischof Franz Lackner im Rupertusblatt-Interview.
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Erzbischof Franz Lackner: „Was mir hilft mit Krisen umzugehen, sind das Gebet sowie Gespräche und Begegnungen.“ Im Rupertusblatt-Interview blickt er auf die Polarisierung im Land, auf Schmerzhaftes wie das Sterbeverfügungsgesetz und Hoffnungsvolles wie den Synodalen Prozess. Für 2022 verordnet er sich selbst eine Vertrauenskur: „Wir können einander etwas zutrauen.“

RB: Seit beinahe zwei Jahren bestimmt die Coronakrise unser Leben. Die Klimakrise schreitet voran. Davor hatten wir die Finanz- und die Flüchtlingskrise. Ist die Krise die neue Normalität? Wie gehen Sie persönlich mit einer Krise um?
Erzbischof Lackner: Ja, man könnte fast schon meinen, Krisen gehören zur neuen Normalität. Wir stolpern gleichsam von einer Krise in die nächste. Was mir persönlich hilft sind das Gebet und hoffnungsfrohe Worte von Menschen, wie etwa von unserem Bundespräsidenten. Wir schaffen das, sagte er und verwies inmitten der politischen Turbulenzen auf unsere Verfassung. Das hat beruhigt und dafür bin ich dankbar. Ich meine aber auch, in jedem Negativen gibt es etwas Positives. Zu Beginn der Coronakrise habe ich jeden Priester angerufen. Mehrere waren überrascht und haben sich sehr gefreut. Dieses Beispiel zeigt, durch kleine Gesten hat man in der Distanz Nähe erfahren können.

RB: Die Pandemie und der Umgang damit haben die Gesellschaft polarisiert. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?
Erzbischof Lackner: Wir haben Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegenden in den Krankenhäusern und Heimen, die beinah Unmenschliches leisten müssen. Und wir haben eine laute Bewegung aus Menschen, die sich schwer tun mit den Regeln und auf die Straße gehen. Ich höre die wöchentlichen Demonstrationen, die Menschen verhalten sich dabei zumeist sehr diszipliniert.

RB: Papst Franziskus sagt: „Impfen ist ein Akt der Nächstenliebe“. Was antworten Sie Menschen, die fragen, weshalb sich die Kirche sich hier überhaupt einmischt?
Erzbischof Lackner: Die Kirche äußert sich immer zu Fragen, bei denen es um das Ganze geht. Und auch wir bemerken: Das Thema Impfen spaltet. Es betrifft zuallererst den Einzelnen. Aber in einer Pandemie kann das Verhalten des je Einzelnen nicht nur für ihn oder sie alleine schwere Folgen haben. Das Private ist damit zumindest zu einem Teil relativiert. Ich bedauere es sehr, dass es nicht ausreichend gelingt, die Notwendigkeit des Schutzes des Nächsten zu vermitteln. Als Bischöfe haben wir alle, die es noch nicht getan haben, gebeten, sich impfen zu lassen. Die Impfpflicht ist allerdings die allerletzte Maßnahme, von der Gebrauch gemacht werden sollte, das haben wir immer wieder betont. Für uns ist Freiwilligkeit ein hohes Gut.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen: Ich bin jetzt 65 Jahre alt, war schon krank und musste auch operiert werden. Als Laie, der ich in medizinischen Fragen bin, hätte ich aus diesen Erfahrungen heraus keinerlei Gründe, unserem Gesundheitswesen und unseren medizinischen Autoritäten nicht zu vertrauen. Meine große Frage ist zudem: Was ist die Alternative? Ich schaue auch sorgenvoll in mein persönliches Umfeld: Ich kenne schon Menschen, die an Corona verstorben sind. Ich kenne niemanden der an der Impfung verstorben ist. Andererseits ist es wichtig, die Ängste sowie die Argumente derer, die mit der Impfung Schwierigkeiten haben – dazu gehören auch Ärztinnen und Ärzte – ernst zu nehmen.

RB: Es herrscht nicht nur Pandemiefrust im Land. Eine aktuelle Umfrage zeigt, der Rückhalt für das politische System ist auf einen Tiefststand abgesackt. Sie sprechen als Vorsitzender der Bischofskonferenz regelmäßig mit den politischen Verantwortlichen. Haben Sie einen Ratschlag wie Vertrauen wieder hergestellt werden kann?
Erzbischof Lackner: Da bin ich zurückhaltend. Ich fühle mich nicht als Oberlehrer. Vieles hat in der Vergangenheit zur Unglaubwürdigkeit beigetragen. Und doch habe ich als Beobachter und aufmerksamer Bürger dieses Landes das Gefühl, dass uns ein Vertrauensvorschuss gut ansteht, egal von welcher politischen Coleur man sein mag. Es gilt jetzt, das Gute zu bestärken.In den Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern weise ich natürlich auf Probleme hin. Da ist etwa die Flüchtlingsfrage, die uns auch in Zukunft bleiben wird. In der besonderen, konkreten und akuten Not braucht es Flexibilität. Im Sinne einer ersten Hilfe sollte in diesen Fällen etwas getan werden. Damit wird zwar das große Ganze nicht gelöst, aber man trägt zur Lösung bei. Wenn sich ein Unfall ereignet und fünf Schwerverletzte auf der Straße liegen, ist es mir unmöglich, mich alleine um alle zu kümmern. Das kann aber nicht gleichzeitig bedeuten, dass ich gar keinem helfe. Was ich nach eineinhalb Jahren als Vorsitzender der Bischöfe erlebt habe ist: Die Politik hört zu und nimmt wahr, dass wir eine Anwaltschaft für Schwächere übernehmen.

RB: Seit 1. Jänner ist das Sterbeverfügungsgesetz in Kraft. Damit ist die Beihilfe zum Suizid unter bestimmten Bedingungen straffrei.
Erzbischof Lackner: Die Begutachtungsfrist des Gesetzes war extrem kurz. Ich bedauere es sehr, dass unsere Einsprüche nicht wahrgenommen wurden. Konkret geht es da zum einen um die verwendete Sprache. Das Wort Sterbeverfügung ist irreführend. Schließlich ist es keine Verfügung zum Sterben, sondern zur Selbsttötung. Verabsäumt worden ist, die nach ärztlicher Aufklärung äußerst notwendige Bedenkfrist und die darauffolgende Errichtung einer Sterbeverfügung zwingend vorzuschreiben. Inakzeptabel ist zudem, dass nicht in jedem Fall verpflichtend eine psychiatrische oder psychologische Beratung vorgesehen ist.

Was die christliche Position betrifft, kann man sich an den Diognet-Brief aus dem zweiten Jahrhundert erinnern. Darin hat man sich mit der Frage auseinander gesetzt: Wer sind diese Christen? Was tun sie? Und noch wichtiger, was tun sie nicht? Wenn Christinnen und Christen heute sagen würden: Wir tun das nicht. Wir assistieren beim Selbstmord nicht. Das wäre ein großes Zeugnis. Unsere Religion ist dem Leben verpflichtet. Dafür bete ich jeden Tag. Ich bete für die Kranken und Sterbenden. Ihnen müssen wir beistehen.

Ich erinnere mich an das Sterben meiner Mutter und wie wichtig es war, diese Ohnmacht zu teilen, da zu sein. Solche Erfahrungen sind eine Schule für unser eigenes Sterben, das unausweichlich kommen wird. Wir haben in Salzburg das Raphael-Hospiz, dessen Schirmherr ich seit einigen Jahren bin und die mobile palliative Betreuung. Beides muss unbedingt ausgebaut werden.

RB: Ein Thema, das wir vom alten ins neue Jahr mitnehmen ist der Synodale Prozess. Wie geht es in der diözesanen Phase voran?
Erzbischof Lackner: Ich muss es immer wieder betonen: Papst Franziskus ist für mich ein Prophet. Dinge liegen in der Luft, noch nicht greif- und fassbar, und plötzlich kommt er mit einem Thema, mit dem noch niemand gerechnet hat. Die Synodalität reguliert sozusagen die verschiedenen Ebenen. Sei es die Pfarre mit der Diözese, die Diözese mit der Weltkirche oder den Einzelnen mit der Gemeinschaft. Das ist ein Balanceakt. Der Papst fordert uns Bischofe auf, zuzuhören. Worauf? Auf alles. Wir müssen alles ernst nehmen und nicht vorweg etwas aussortieren. Wobei wir eine besondere Aufmerksamkeit auf den Glauben und den Heiligen Geist haben sollen. Das müsste in der Beantwortung der Fragen tragend und leitend sein. Der Hl. Geist und wir. Nun können wir fragen: Wo finden wir den Heiligen Geist? In der Stille. Er ist das radikal Andere.

Allgemein sind wir gut im Ja und Nein sagen, dazwischen gibt es nichts. Die großen Fragen des Lebens kann man allerdings so nicht beantworten. Ich glaube auch nicht, dass es in wesentlichen Fragen des Glaubens hundertprozentige Antworten gibt. Der Synodale Prozess will Weichen stellen und Samen säen. Danach ist sicherlich nicht alles klar und ernten werden vielleicht erst unsere Nachkommen.

RB: Sie haben bereits an einigen Diskussionsrunden teilgenommen. Was bewegt die Menschen?
Erzbischof Lackner: Ich merke, etwas ist in Bewegung. Kürzlich haben sich Volksschulkinder zeichnerisch mit dem Synodalen Prozess beschäftigt. Viele Einzelpersonen haben bereits mitgemacht. Alle Gremien wie das Konsistorium, der Pastoralrat oder der Priesterrat setzen sich damit auseinander. Einiges ist schon passiert, vieles soll noch folgen wie Gespräche mit jungen Leuten, Obdachlosen, Geschiedenen, Wiederverheirateten… Ich gehe in all diese Begegnungen mit einer Bitte: Sprecht aus eurem Leben! Wenn man wirklich beim Leben ist, ist man auch beim Glauben. Das muss ich hören.

RB: Wohin soll das gegenseitige Zuhören und Hören auf den Heiligen Geist führen? Es gibt kein festgesetztes Ziel. Besteht hier nicht die Gefahr, dass sich am Ende Enttäuschung einstellt?
Erzbischof Lackner: Ganz ohne Enttäuschung wird es wie überall im Leben nicht gehen. Doch, dass es nur Enttäuschung gibt, das denke ich nicht. Es geht um den Geist Gottes. Wie ist er in unseren Fragen, in unseren Sorgen, Mühen und Freude gegenwärtig? Ist er überhaupt noch lebendig? Entscheidend ist, dass wir am Ende wie in der Apostelgeschichte sagen können: Der Heilige Geist und wir…

RB: Der verschobene Ad-limina-Besuch im Vatikan soll 2022 stattfinden. Was bringt das Jahr noch, welche Schwerpunkte möchten Sie auf diözesaner Ebene setzen?
Erzbischof Lackner: Die Not zeigt den Weg. Aber in jeder Not ist eine Gnade. Wir haben Menschen, die ihrer Berufung folgen. Ich hatte erst kürzlich ein langes Gespräch mit einem jungen Seminaristen. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Gott verlässt die Kirche nicht. Der Priesternachwuchs kann die sich auftuenden Lücken nicht füllen. Doch bewegen wir uns gerade weg von einem System, in dem der Priester die Hauptlast in der Seelsorge und Verkündigung getragen hat. Die Kirche hat viele gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das stimmt zuversichtlich. Wir können einander, Priester, Diakone, Laien, Haupt- und Ehrenamtliche etwas zutrauen. Wenn wir jedoch mit den Kleinlichkeiten des Tages beschäftigt sind, bleiben wir stecken.

RB: Was lässt Sie hoffen, dass 2022 ein gutes Jahr wird? Haben Sie so etwas wie eine „geistliche Stärkung“ für das neue Jahr?
Erzbischof Lackner: Der Glaube ist es, der in schwierigen Zeiten trägt. Das habe ich selbst erfahren dürfen, als ich in meinem Leben dachte, ich schaffe das nicht. Mein Ja zu Gott und einem Leben im Glauben ist keine Leis-tung, die ich allein erbringen muss. Das hilft, genauso wie der Glaube an das Gute im Menschen. Das Zweite ist das Gebet. „ Glaube, Gebet und Vertrauen. Für 2022 brauchen wir alle eine Vertrauensinjektion.

Wir beten nicht gegen etwas, sondern immer für etwas. Mit der Gebetsgemeinschaft „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“ (RSK) starte ich zum Jahresanfang den Aufruf zum „Gebet für den Frieden“. Ich erinnere dabei an RSK-Gründer P. Petrus Pavlicek und seine Worte: „Geeintes Gebet ist eine Macht, die Gottes Barmherzigkeit auf diese Welt herabzieht.“ Kurz vor Weihnachten war eine Frau im Bischofshaus, die mir bewegend erzählte, wie sich in ihrem Leben Orientierungslosigkeit ausbreitete, nachdem sie aufgehört hatte zu beten.
Was ich mir für 2022 vorgenommen habe: Wir sollten uns eine Vertrauensinjektion geben lassen. Weniger Aufgeregtheit, mehr Vertrauen.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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