Von Salzburg nach Kolumbien
„Nie den Mut verloren“

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Salzburg/Medellín. Margaretha Moises hat seit 67 Jahren in Kolumbien eigentlich permanent Krisen erlebt. Jahrzehntelang forderte der Bürgerkrieg Opfer. Der jetzige Frieden ist brüchig und Armut sowie soziale Spannungen allgegenwärtig. „Nun macht Corona die Lage noch schlimmer“, sagt die gebürtige Bad Hofgasteinerin. Sie selbst lebt seit mehr als 120 Tagen in Quarantäne. „Wir Älteren müssen noch bis August daheim bleiben. Das hat die Regierung so angeordnet.“ Ihre Kontakte in alle Welt hält sie trotzdem aufrecht. Dabei ist die 88-Jährige auf der Höhe der Zeit.

Die Coronakrise konzentrierte ihren Alltag zwar auf ihre Wohnung in Medellín, beschäftigt ist Margaretha Moises nach wie vor gut. Mit Anrufen per WhatsApp und Videokonferenzen koordiniert sie ihr Hilfswerk und hält sie die Verbindung zu Freunden und Familien. „Mein Neffe schickt regelmäßig Zeitungsausschnitte aus Österreich oder wir telefonieren. Da reden wir dann Pongauerisch miteinander.“ Das habe sie nie verlernt, schmunzelt die Bad Hofgasteinerin.

Solidarität ist gewachsen

Ernst ist die 88-Jährige beim Online-Gespräch mit dem Rupertusblatt als sie über die aktuelle Lage in Kolumbien berichtet: die ansteigende Arbeitslosigkeit, den Hunger und die Neuinfektionen, „Es gibt Berechnungen, da ist von bis zu 40.000 Coronatoten die Rede.“ Besorgnis erregend sei es in den schwer zugänglichen Gebieten. „Manche Regionen sind nur mit dem Flugzeug oder auf dem Wasserweg zu erreichen. Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht, teilweise gibt es nicht einmal Strom. Jetzt haben sich Ärzte und Krankenschwestern für freiwillige Einsätze gemeldet“, sagt Moises und fügt hinzu: „Nicht nur die Not ist gewachsen, auch die Solidarität.“Margaretha Moises unterstützt mit ihrer Organisation CEDAL Bedürftige an der Küste. „Nothilfe zu leisten ist sonst nicht unsere Art. Doch genau das ist jetzt notwendig.“ In einer Pfarre hätten Jugendliche beim Verteilen der Lebensmittel mitangepackt. „Sie wollten nichts für sich und sagten: Gebt das Essen den Kindern und Älteren. Wir halten den Hunger besser aus“, schildert Moises eine besonders berührende Geschichte. Immer wieder erreichen sie direkt Anfragen. „Da ist eine junge Studentin, die aus einer ganz armen Familie kommt. Sie schaffte es mit Fleiß bis auf die Universität. Das Mädchen braucht unbedingt einen Computer, damit sie den Anschluss nicht verpasst. Die Lehrveranstaltungen finden ja alle nur mehr per Fernunterricht statt“, erzählt Moises, für die feststeht: „Da muss ich etwas tun.“

Der lange Weg zum Frieden

Bildung ist ein Lebensthema von Margaretha Moises. In Kolumbien wirkte sie als Lehrerin. Mit ihrer eigenen Organisation CEDAL (Zentrum für Bildung & Kommunikation) widmet sie sich seit 1980 der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Der ewige Bürgerkrieg hatte das Land gelähmt und Millionen Binnenflüchtlinge hervorgebracht. Der 2016 unterzeichnete Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Guerillaorganisation FARC markierte das Ende des Konflikts, der ein halbes Jahrhundert andauerte. Doch noch immer kommt es zu Gewalt, Entführungen und Morden. „Frieden zu leben und zu erhalten, ist ein täglicher Kampf. Ich bringe mit CEDAL ein wenig Licht ins Dunkel.“ Gemeinsam mit ihrer langjährigen Mitstreiterin Gladys Daza Hernández schult Margaretha Koordinatorinnen. Sie geben das Wissen an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weiter. „Die Friedenssprache“ heißt eines dieser Projekte. Es gehe darum, zu beleuchten, „ist Sprache gewalttätig? Lädt unsere Sprache zum Gutsein ein?“, beschreibt Moises einen Kursinhalt und gesteht, dass es für sie nicht einfach ist, „Außenstehenden“ die kolumbianischen Verhältnisse nahe zu bringen. „Besucher aus Österreich verstehen es oft nicht und sagen dann, das müsst ihr doch auf diese Art machen. Alles geht nur langsam voran.“ Sie dagegen habe von Anfang an keine Schwierigkeiten gehabt, das „Anderssein“ zu akzeptieren.

Heimweh nach Kolumbien

„Ich habe sehr viel vom kolumbianischen Volk gelernt“, sagt die Missionarin, die mit Anfang Zwanzig ihrer älteren Schwester Maria Herlinde als Franziskanerin ans andere Ende der Welt folgte. Aufgewachsen ist sie in einer gläubigen Bauernfamilie. Als junge Frau verlässt sie ihre Lieben. Zwei Familienmitglieder sieht sie nie wieder. Als sie nach 15 Jahren zum ersten Heimatbesuch zurückkehrte, waren die Eltern verstorben. „Mein Vater meinte beim Abschied nur: Dirndl, das Wichtigste ist, dass wir uns im Himmel wieder treffen.“ In diesem Glauben lebe und hoffe sie. Ruhig verliefen die Jahrzehnte der Moises-Schwestern in Kolumbien nicht. Doch ein anderer Platz war nicht vorstellbar. Margaretha erzählt, wie der Orden sie nach Spanien versetzte. „Ich hatte solches Heimweh nach Kolumbien.“ Zum Glück kehrte sie bald wieder zurück und war sich sicher: Ich bleibe. Keine noch so brenzlige oder sogar gefährliche Situation brachte diesen Entschluss ins Wanken. Den Mächtigen und Großgrundbesitzern war das unerschrockene Eintreten für die Rechte der Landlosen und Vertriebenen nämlich ein Dorn im Auge. „Den Mut fürs Weitertun habe ich nie verloren, auch nicht als Herlinde im Gefängnis war oder mich die Geheimpolizei abholte“, zählt Margaretha nur zwei einschneidende Ereignisse auf.

Lieber denke sie an die schönen Zeiten wie nach dem II. Vatikanzischen Konzil als die Türen und Fenster der Klöster aufgingen. Mit einigen Schwestern ging sie in die Dörfer. „Wir haben dort mit den Menschen gelebt und mit ihnen gehungert. Wenn die Fischer ohne Fang heimkamen, gab es nichts außer vielleicht ein paar Eier zu essen. Sie wollten das Wenige uns geben, doch wir haben alles geteilt. Das waren prägende Erfahrungen, die ich dann nicht mehr lassen wollte.“ Bis heute lebt Margaretha Moises die Option für die Armen.

Pongauerisch nicht verlernt

Als Sternstunde bezeichnet Moises die Verleihung des Verdienstordens der Heiligen Rupert und Virgil in Großgold 2012 in Salzburg. „Die Verbindung in die Heimat, zur Erzdiözese, zu Organisationen wie Sei So Frei bedeuten mir sehr viel.“ Wann der nächste persönliche Besuch ansteht, bestimmt vor allem das Coronavirus. „Deshalb bin ich so froh über die Technik. Früher dauerte es wochenlang bis Briefe ankamen. Mittlerweile können wir uns beim Telefonieren sehen. Als das noch nicht möglich war und ich nach etlichen Jahren bei meinen Verwandten in Großarl vorbeischaute, sagten sie: Wir kennen dich nur von den Fotos im Rupertusblatt“, lacht Margaretha Moises und freut sich schon aufs nächste Gespräch mit ihren Leuten. „Natürlich auf Pongauerisch.“

Leben in Stationen

Margaretha Moises wurde am 14. März 1932 in einer kinderreichen Bauernfamilie in Bad Hofgastein geboren. „Wir haben täglich den Rosenkranz gebetet. Wenn im Hochsommer die meiste Arbeit war und keine Zeit blieb, war es der Engel des Herrn“, erinnert sich Margaretha. Sie besuchte die Volks- und Hauptschule in Bad Hofgastein und danach die Haushaltungsschule in der Stadt Salzburg. 1950 tritt sie bei den Franziskaner Missionsschwestern ein. Nach zweijähriger Vorbereitung reist sie im Jänner 1953 in die Mission aus. In Le Havre in Frankreich ging sie an Bord eines Frachtschiffes, drei Wochen dauert die Ozeanüberquerung. Mit 21 Jahren kam sie in Kolumbien an. Seither prägt der Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Frieden ihr Leben. In Kolumbien studiert sie Erziehungswissenschaften und Theologie. Anschließend ist sie in der Jugendarbeit in besondes benachteiligten und abgelegenen ländlichen Gebieten tätig. 1980 gründet sie ihre eigene Organisation CEDAL (Zentrum für Bildung & Kommunikation) mit Sitz in Bogotá. Sie kümmerte sich seit dem Tod ihrer Schwester Maria Herlinde 2006 auch um die „Mutter Herlinde Moises Stiftung“. Sei So Frei unterstützt den Einsatz der „Moises-Schwestern“ für die Armen seit Jahrzehnten. 1998 wurde Margaretha mit dem Romero-Preis der Katholischen Männerbewegung ausgezeichnet und 2012 mit dem Rupert- und Virgilorden in Großgold der Erzdiözese Salzburg.

Eine große 40-Jahr-Feier ihrer Organisation CEDAL hat die Covid-19-Pandemie im Mai 2020 verhindert. „Wir haben schließlich einen Gottesdienst gefeiert. Dank der Internet-übertragung konnte das ganze Team dabei sein“, berichtet Margaretha Moises, die mit ihren 88 Jahren zwar nicht an Ruhestand denkt, aber die Zukunft ihres Werks regelt. CEDAL soll in gute Hände übergehen. „Mit einer befreundeten Ordensgemeinschaft gibt es Gespräche. Ich bin sehr zuversichtlich.“

Tipp: Sei So Frei ist die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung. Seit den 60er ist Sei So Frei an der Seite von Maria Herlinde und Margaretha Moises in Kolumbien. ◆ Wer Margaretha Moises unterstützen möchte, kann das mit einer Spende tun: IBAN AT10 3500 0000 0001 4100; Verwendungszweck „Margaretha Moises“.

Fotos: Margaretha Moises in Kolumbien und Salzburg.

Fotos: RB/Sei So Frei/ibu

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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