Interview mit Erzbischof Franz Lackner
Glauben, dass es gut wird

Der Glaube gibt uns die Hoffnung, dass es gut ausgeht.
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Für viele war 2020 ein Katastrophenjahr, sagt Erzbischof Franz Lackner. „Die Coronapandemie hat den Menschen Unvorstellbares zugemutet.“ Im Rupertusblatt-Interview zum Jahreswechsel blickt er aber auch auf die positiven Seiten in dieser Ausnahmezeit: „Es ist eine große Solidarität entstanden.“ Als Mutmacher für 2021 verweist er auf das Gebet und den Glauben: „Darauf können wir vertrauen. Das ist sehr viel.“

RB: Die Salzburger Armutskonferenz hat 2020 so zusammengefasst: ein Jahr zwischen Armut und Solidarität. Wie blicken Sie auf dieses Jahr im Ausnahmezustand?
Erzbischof Lackner: Es war ein schwieriges Jahr, ich würde sogar sagen, für viele war es ein Katastrophenjahr. Am Anfang der Coronapandemie wussten wir alle nicht, was da auf uns zukommt. Niemand von uns hat so etwas schon einmal erlebt. Dann: die furchtbaren Bilder aus Italien, wo sich in den Kühlwägen die Särge stapelten.

RB: Die öffentlichen Gottesdienste in der Corona-Lockdown-Phase auszusetzen ist auf Schmerz und auch auf Unverständnis gestoßen.
Erzbischof Lackner: Teilweise haben die Leute wenig Verständnis dafür aufbringen können, uns auch Vorwürfe gemacht. Im Dom und in den Pfarrkirchen wurden aber immer Gottesdienste gefeiert – im kleinen Kreis, stellvertretend für die ganze Gemeinde. Gerade der Gedanke der Stellvertretung scheint mir aber seine Selbstverständlichkeit verloren zu haben. „Stellvertretung“ ist jedoch ein Grundwort unseres Glaubens an Jesus Christus, der stellvertretend für uns bei Gott eintritt. Gott sei Dank ist es nie so weit gekommen, dass wir Kirchen zusperren mussten. Natürlich wurde den Menschen viel zugemutet. Ich denke an Ostern, das wichtigste Fest im Jahr. Mit der Osterkerze in den leeren Dom einzuziehen, das war erschütternd.

RB: Wie ordnen Sie den Umgang der Kirche mit der Coronakrise ein?
Erzbischof Lackner: Es ist schon einiges geschehen. Zu erwähnen ist hier etwa das Corona-Sorgen-Telefon, das Verteilen der Weihwasserfläschchen rund um Allerheiligen, die Live-Streams zahlreicher Gottesdienste oder die Internetplattform www.trotzdemnah.at mit den dazugehörenden Aktionen und Angeboten. In diesem trotzdem liegt ein theologischer Zündstoff. Der Auferstehungsglaube ist ein trotzdem-Glaube. Die Frauen etwa gehen zum Grab, wissen nicht, wie sie es zustandebringen sollen, den Stein wegzuwälzen – sie gehen trotzdem weiter. Bei Begräbnissen stehen wir am Grab und reden trotzdem vom Leben.Wahrgenommen habe ich aber auch die Not, vor allem das Leid der Kranken und Alten.

Ein Priester erzählte mir, er wurde nicht zu einem Sterbenden gelassen. Nach dem ersten Lockdown gab es Gespräche mit den zuständigen Behörden. Mit den notwendigen Folgen – seit dem zweiten Lockdown durften die Seelsorger zu den Kranken und ihnen die Sakramente spenden. Es muss gewährleistet sein, dass wir den Menschen in der Not beistehen können. Das heißt, dass die Messen gefeiert werden, dass wir christliche Begräbnisse feiern können, damit sich die Familie verabschieden kann und dass Besuche bei Kranken möglich sind, um ihnen die Sakramente zu spenden.

RB: Können Sie dem Coronajahr etwas Positives abgewinnen?
Erzbischof Lackner: Bei vielen Menschen hat sich mittlerweile eine Müdigkeit eingestellt. Sie fragen: Wann hört das auf? Was mich positiv stimmt, dieses Krisenjahr war und ist von einer großen Solidarität gekennzeichnet. Ich habe alle Priester angerufen um zu erfahren, wie ist das bei euch? Sie haben mir von Jugendlichen erzählt, die für alte Menschen einkaufen gehen oder von Mitgliedern der Feuerwehr, die den Leuten die Medikamente nach Hause bringen. In einem anderen Gespräch sagte ein Mann zu mir: Ich bin nicht reich, doch momentan fällt mir das Spenden so leicht wie nie zuvor. Diese Aussage hat mich sehr berührt.

RB: Wie steht es um die Solidarität mit Flüchtlingen? Sie haben sich zuletzt für die Aufnahme von Menschen aus den Flüchtlingslagern in Lesbos ausgesprochen. Mehrere Pfarren unterstützen die Initiative „Salzburg hat Platz“.
Erzbischof Lackner:
Das ist selbstverständlich ein positives Zeichen, wenn es Pfarren und Familien gibt, die Menschen aufnehmen wollen. Man muss dazu sagen, es wird bereits viel getan von österreichischer Seite. Da gab es die 55 Tonnen Hilfsgüter oder jetzt die vom SOS-Kinderdorf geführte Tagesbetreuungsstätte auf Lesbos. Doch die Situation wie sie uns in den vergangenen Wochen gezeigt wurde, wenn wir hören, dass Kinder nachts von Ratten gebissen werden, erfordert eine Erste-Hilfe-Leistung. Wenn Menschen in akuter Not sind, dann können wir nicht wegschauen, dann müssen wir helfen. Auf der anderen Seite dürfen wir es nicht einfach übergehen, wenn sich Leute mit einer Aufnahme von Flüchtlingen schwer tun. Diese Ängste in der Bevölkerung müssen wir ernst nehmen.

RB: Kurz vor Weihnachten hat der Verfassungsgerichtshof das Verbot des assistierten Suizids in Österreich aufgehoben. Sie haben in einer ersten Stellungnahme von einem Dammbruch gesprochen. Was sind Ihre größten Sorgen? 
Erzbischof Lackner: Ich war erschüttert. Mein erster Gedanke: Da ist die Tür aufgemacht worden, das hat Folgen. Ich finde, das ist ein gewaltiger Rückschritt und eine Niederlage für uns als Gesellschaft, für uns alle. Wir müssen uns nun im Blick auf die Gesetzgebung bemühen, zu retten, was noch zu retten ist. Sterben ist ein ureigener Akt. Da ist eine gewisse Einsamkeit zu ertragen, die kann der Giftbecher dem Menschen nicht nehmen.

Als meine Mutter im Sterben lag, sagte sie: Lasst mich gehen. Doch ich hätte das nie so interpretiert, sie möchte getötet werden. Sie hat gewusst, sie muss jetzt einen Weg gehen, den können wir nicht mitgehen, den muss sie alleine gehen. Der Mensch ist ein einmaliges, einzigartiges Wesen auf dieser Welt. Wenn man ihm diese letzte Einzigartigkeit, die letzte Einsamkeit nimmt, dann macht ihn das zu einer Ware. Das müssen wir verhindern. Was können wir tun? Im Palliativ- und Hospizbereich liegt ein so großes Potenzial. Das müssen wir weiter ausbauen. 

Gehen Behandlungen, die kurzfristig für eine Verbesserung des Zustandes eines Patienten sorgen, in Richtung Lebensverkürzung? Medizinethiker sprechen von Graubereichen, die muss man belassen und nicht ins grelle Licht der Gesetzlichkeit holen. Ärzte zeichnet ihr Grundethos des Heilens, Helfens und Schmerzen lindern aus. Sie dürfen diesen Graubereich betreten, niemand sonst.

RB: 2020 brachte Ihnen eine neue Aufgabe. Sie wurden zum Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz gewählt. Sie haben gesagt, Sie nehmen die Aufgabe nach dem jesuitischen Ideal – wenn schon, dann gern – an. Gilt das noch immer? 
Erzbischof Lackner: Das ist auf mich zugekommen. Es passt natürlich irgendwie zu Salzburg, aber nicht wegen mir als Person: Wien und Salzburg sind die Metropolitanstädte. Es birgt zudem aufgrund der geografischen Lage Vorteile, Salzburg liegt ja in der Mitte unseres Landes.

RB: Welche Herausforderungen stehen im neuen Jahr an? Auf Diözesanebene musste ja ein Sparpaket geschnürt werden. 
Erzbischof Lackner: Es kommt einiges auf uns zu. Da ist der Ad-Limina-Besuch in Rom, der verschoben werden musste. Das braucht eine intensive Vorbereitung. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir mit Rom im Gespräch bleiben. Uns alle beschäftigt natürlich, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Das Bruttoinlandsprodukt soll um sieben Prozent schrumpfen. Das hat Auswirkungen auf die Kirche. Wir müssen uns fragen, wie wir mit dem uns treuhänderisch anvertrauten Geld verantwortungsvoll umgehen und die richtigen Akzente setzen. Und ja, es geht unterm Strich ums Sparen. Das bringt Änderungen mit sich, die wehtun und die verunsichern – das verstehe ich. Doch wir kommen nicht darum herum.

RB: Papst Franziskus richtete mit seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ 2020 einen dringenden Aufruf zu universaler Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft an alle Menschen. Wie können wir diese Vision annehmen und konkret leben? 
Erzbischof Lackner: Ich muss sagen, mich fasziniert dieser Papst. Er trifft immer wieder den Nagel auf den Kopf. Zunächst hat er mit seinem Schreiben „Amoris laetitia“ den Einzelnen entdeckt. Er hat uns vor Augen geführt, dass wir diesem einzelnen Menschen, wer immer das ist, entgegengehen müssen. Mit seiner jüngsten Enzyklika „Fratelli tutti“ hat er uns die Vision einer universalen Geschwis-terlichkeit geschenkt. Manche sagen, damit kann man keine Wirtschaft machen. Aber das ist der Papst. Er sagt uns: Das sind die zwei Leuchttürme, die ihr habt. Man darf nur nicht einen absolut setzen, nicht das Personale und nicht das Universale. Es ist ein Dialog, ein Zusammenspiel. Für jedes Amt, jede Entscheidung und Strategie und für jede Pfarre geht es darum, immer die nächst höhere Ebene mitzudenken. Jede Pfarre muss die Diözese mitdenken, jede Diözese muss die Universalkirche mitdenken. Generell sind wir immer schnell bei der Frage Wie? Wie sollen wir das umsetzen? Ich empfehle: wahrnehmen, hören, beten und dann aus dem Glauben heraus tun.

RB: Haben Sie eine Mutmach-Botschaft für 2021, die Sie den Menschen mit auf den Weg geben möchten? 
Erzbischof Lackner: Was haben wir? Was ist uns anvertraut? Es ist unser Glaube. Wir haben nichts anderes. Ich muss dabei an die Geschichte eines Priesters denken. Die Familie hatte drei seiner Geschwister im Kindesalter verloren. Beim dritten Begräbnis sagte eine Nachbarin zur trauernden Mutter: „Jetzt wird dir das Glauben schwer fallen.“ „Ich habe nichts anderes“, war die Antwort der Mutter. Ich meine, wir sollten uns nicht schrecken, es ist sehr viel, was wir haben. Mit Christus sind wir schon auferstanden. Wir könnten das so umformulieren und sagen: Mit Christus haben wir die Pandemie schon überwunden. So mancher wird erwidern, das ist blauäugig, aber im Innersten stimmt es. Im Innersten dürfen wir glauben, dass es gut ausgehen wird.

Zu Weihnachten haben wir gefeiert, dass Gott Mensch geworden ist. Diese Botschaft meint, er ist mitten unter uns, er ist einer von uns. Das ist unsere Hoffnung, darauf können wir vertrauen. In einem Interview zu seinem 90. Geburtstag sagte Sepp Forcher, die wahren Probleme seien im Inneren. Da brauche es das Gebet. Das ist sehr schön auf den Punkt gebracht. Mich beflügelt der Glaube bis zum heutigen Tag. Er ist im Innersten immer da und hat mich noch nie verlassen. Wenn ich bete, spüre ich das.

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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