Katastrophe im Libanon
Folgen sind nicht abschätzbar

Sie warten nicht  auf  Hilfe vom Staat, sondern nehmen das Aufräumen selbst in die Hand. Das Bild zeigt Freiwillige, die den Schutt in der Kinderkrippe der Barmherzigen Schwestern beseitigen.
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  • Sie warten nicht auf Hilfe vom Staat, sondern nehmen das Aufräumen selbst in die Hand. Das Bild zeigt Freiwillige, die den Schutt in der Kinderkrippe der Barmherzigen Schwestern beseitigen.
  • Foto: RB/ICO
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Den Libanon kennt der Salzburger Nahost-Experte Stefan Maier seit 30 Jahren. Die Lage nach den verheerenden Explosionen im Hafen Beiruts vergangene Woche beschreibt er mit drei Worten: Eine nationale Tragödie.

RB: Wie konnte es zu dieser Katastrophe in Beirut kommen?
Maier: Als ich die ersten Videos sah, dachte ich, das muss ein Anschlag sein. Heute ist klar, es war schlichtweg Inkompetenz. 2.750 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat ungeschützt im Hafen zu lagern, also in unmittelbarer Stadtnähe – das ist an Fahrlässigkeit nicht zu überbieten. Eine Bekannte sagte am Telefon voller Zorn: Unsere gesamte politische Klasse gehört ins Feuer geworfen. Die Wut der Libanesinnen und Libanesen ist immens. Es ist eine nationale Tragödie. Dabei geben die Bilder, die wir sehen, nur einen Bruchteil der tatsächlichen Verwüstung wieder. In einer Minute ist so viel zerstört worden, wie vielleicht sonst ein jahrelanger Krieg anrichtet. Eine Viertelmillion Menschen ist innerhalb kürzester Zeit obdachlos geworden.

RB: Sie betreuen seit Jahren mit Organisationen und Orden vor Ort Bildungs- und Sozialprojekte. Wie geht es diesen Partnern?
Maier: Besonders getroffen sind die Barmherzigen Schwestern. Eine Ordensschwester ist ihren Verletzungen erlegen. Fünf Häuser, die das Provinzialat, Schulen, eine Kinderkrippe und Sozialzentren beherbergen, sind verwüs-tet. Das Provinzhaus der Lazaristen ist ebenfalls schwer beschädigt. Der Ordensobere, P. Ziad Hadad, hat die älteren Patres in anderen Landesteilen untergebracht. Er selber schläft mit einem Schlafsack im Gebäude; er befürchtet Plünderungen, wenn es leersteht. Eine der zahlreichen offenen Fragen dreht sich um den Schulbeginn im Herbst. Die Schäden bis dahin wieder zu beheben, ist komplett unrealistisch. Wer soll den Wiederaufbau bezahlen? Und das ganze Baumaterial muss erst importiert werden, der Libanon produziert selber nichts. Doch wie soll das geschehen, der Hafen, der Nabel zur Außenwelt, liegt in Schutt und Asche.

RB: Schon vor der Explosion war das Land am Abgrund. Corona verschärfte die Situation noch. Wie verkraften die Menschen jetzt das? 
Maier: Die Explosion geschah während das Land sich im Lockdown befand. Die Coronafälle steigen wieder, die Krankenhäuser waren am Rande ihrer Kapazitäten. Dann kamen die Opfer nach der Explosion. Patienten wurden am Parkplatz behandelt oder in weit entfernte Spitäler verlegt. Insgesamt sind die Folgen nicht abschätzbar. Diese Megakatastrophe traf den Zedernstaat in der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte, als er mit einer Pandemie zu kämpfen hat und bei einer Bevölkerung von sechs Millionen Menschen mehr als eine Millionen syrische Flüchtlinge versorgt. Beinahe jeder zweite Libanese lebt mittlerweile unter der Armutsgrenze. Alle Anzeichen stehen dafür, dass der Libanon neben Somalia oder Jemen der nächste „failed state“ („gescheiterter Staat“) ist. Vor den Explosionen warnten wir vor einer Hungersnot, weil die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe schnellten. Jetzt müssen wir eine Hungersnot befürchten, weil es bald nichts mehr zu essen gibt. Im Hafen ist auch der wichtigste Getreidesilo vernichtet, in dem 85 Prozent der Kornvorräte lagerten.

RB: Hunderttausende haben ihr Zuhause verloren oder leben in verwüsteten Wohnungen. Das geht im Sommer – was ist im Winter?
Maier: Das ist die große Sorge. Die Klöster haben ihre Türen schon geöffnet. In St. Joseph, einer Einrichtung der Barmherzigen Schwestern in Ajeltoun im Libanongebirge, sind bereits acht Familien untergekommen. Wer vor dem Nichts steht, wird auch in Schulen und Internaten aufgenommen. Doch das ist nur eine kurzfristige Lösung.

RB: Was kann Europa tun, um zu helfen?
Maier: Europa ist gefordert. Dabei muss aber sichergestellt sein, dass die Unterstützungen die Menschen erreichen. Das gelingt über vertrauenswürdige Hilfsorganisationen. An die libanesische Regierung darf kein Geld fließen. Die Gefahr, dass es versickert, ist zu groß.

RB: Wie lässt sich das Land langfristig stabilisieren? Gibt es Hoffnung?
Maier: Selbst wenn die gesamte Regierung zurücktritt, bin ich skeptisch. Aus der Vergangenheit wissen wir, wie lange es dauern kann, bis sich eine neue bildet. Fest steht, dem Land stehen turbulente Zeiten bevor.

Hintergrund

Fast 150 Reisen haben Stefan Maier in den Nahen Osten geführt, die meisten in den Libanon. Seit 2019 ist er Projektkoordinator der Initiative Christlicher Orient (ICO). „Als kleines Hilfswerk sind unsere Mittel überschaubar. Deshalb konzentrieren wir uns jetzt auf den Wiederaufbau einer Einrichtung – wahrscheinlich die Kinderkrippe der Barmherzigen Schwestern.“

ICO-Spendenkonto: Hypo Oberösterreich, IBAN: AT42 5400 0000 0045 4546; Verwendungszweck: Libanon.
Infos: www.christlicher-orient.at

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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