Interview
Wie man den Sinn des Lebens nicht findet

Professor Uwe Böschemeyer hat seine Frage umgedreht und erforscht, wie man den Sinn des Lebens nicht findet.
  • Professor Uwe Böschemeyer hat seine Frage umgedreht und erforscht, wie man den Sinn des Lebens nicht findet.
  • Foto: RB/boeschemeyer.at
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Kehrtwende: Mehr als die Hälfte seines Lebens hat Uwe Böschemeyer nach dem Sinn des Lebens geforscht. Dann hat er die Frage umgedreht. Ergebnis: ein Buch, das aufdeckt, wie sich der Sinn ganz sicher nicht entdecken lässt. Mit dem Rupertusblatt hat der Psychotherapeut über Unsinn, geglücktes Leben und Scharlatane gesprochen. Ein paar ganz praktische Hinweise für Sinnsuchende hat der Professor auch parat.

von Michaela Hessenberger

RB: Was ist der größte Unsinn beim Sinnsuchen?
Uwe Böschemeyer: Zu meinen, wir könnten uns den Sinn unseres Lebens von einem anderen Menschen zeigen oder geben lassen. Denn die Suche nach Sinn ist eine ureigene persönliche Angelegenheit.

RB: Warum?
Böschemeyer: Weil jeder Mensch einzigartig und unverwechselbar ist und deshalb keinem anderen gleicht.

RB: Innere Leere – ist sie etwas Neues, dem Zeitgeist Geschuldetes? Oder hatten Menschen vielleicht schon immer mit ihr zu kämpfen? Was macht das Phänomen in unserer Zeit so groß?
Böschemeyer: Das Phänomen innerer Leere ist kein neues Prob-
lem, es zeigt sich seit 100 Jahren jedoch immer klarer, ungeschminkter, heftiger.

RB: Die Gründe dafür?
Böschemeyer: Weil insbesondere Menschen unserer Zeit angesichts des Stresses nicht mehr zur Ruhe und daher nicht mehr zu sich selbst kommen. Weil Leben in unserer Zeit aufgrund seiner überschießenden Vielfalt zu unübersichtlich geworden ist. Weil viele Zeitgenossen ihre ursprüngliche Beziehung zur Spiritualität vergessen, verdrängt, verleugnet haben.

RB: Kann es sein, dass Menschen in der Pandemie nichts oder nur recht wenig mit sich anzufangen wissen, weil auch hier den lieben langen Tag schlichtweg der Sinn fehlt?
Böschemeyer: Ja, das ist wohl so: Dass viele in Zeiten der Pandemie kaum etwas mit sich anzufangen wissen, weil ihnen der Sinn fürs konkrete Leben mehr oder weniger fehlt.

RB: Wie hängen Sinn und Glück im Sinne eines geglückten Lebens zusammen?
Böschemeyer: Die Suche nach Sinn bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens, auf die dunklen ebenso wie auf die hellen. Die Suche nach Glück konzentriert sich nur auf die hellen. Es kann daher sein, dass der, der nur das Glück sucht, sein eigenes Leben halbiert. Wer sich dagegen offen dafür hält, dass sich auch in schwerem Leben Glück findet lässt, wird wohl nicht enttäuscht werden.

RB: Finden wir Sinn eher im Job oder im Privatleben? Und was, wenn die Arbeit das – beinahe – einzig Sinnstiftende in einem Leben ist?
Böschemeyer: Beides, Beruf und Privatleben, sind Möglichkeiten, Sinn und Glück zu finden. Alles kommt darauf an, was ich suche, was ich brauche, wofür ich offen bin, vor allem aber, was ich liebe. Man sollte hier keine Alternative denken. Und wenn die Arbeit das einzig Sinnstiftende in einem Leben ist, so sollte man sich fragen, ob die Arbeit genügt, um der Seele Frieden zu geben.

RB: Welche Rolle spielen Religion oder Spiritualität bei der Sinnsuche?
Böschemeyer: Für den, der sich durch inneren und äußeren Stress und die Vielfalt der vermeintlichen Heilsbringer den Blick zur Transzendenz nicht verschließen läßt, eine große. Ich sage es aus meiner Sicht deutlicher : Diese Zeit braucht nicht nur Selbst- und Sinn-, sondern
auch und vor allem neue Gotteserfahrung.

RB: Es gibt heute genug Scharlatane, die aus der Sinnsuche nur Kapital schlagen wollen. Wie erkennt man, dass vermeintliche Sinn-Stifter auf dem Markt der Sinnsuche ein falsches Spiel spielen?
Böschemeyer: Je lauter und je mehr „systemrelevant“ moderne „Sinnstifter“ ihren Glücksweg anpreisen, desto kritischer würde ich ihnen gegenüber sein. Darüber hinaus würde ich eine einfache Hilfe in Anspruch nehmen, deren Bedeutung viele Menschen unserer Zeit vergessen haben: Ich würde auf mein Herz hören und dieses wundersame Erkenntnis-Organ fragen, wie es die diversen „Sinn-Angebote“ findet.

RB: Haben Sie ganz praktische Tipps, wie jemand auf Sinnsuche diesen auch entdecken kann? Wie geht man da tatsächlich vor?
Böschemeyer: In meinem kleinen Buch habe ich eine ganze Reihe gegeben. Hier die vielleicht wichtigsten. Wer sich in aller Ruhe an früheres, gelungenes Leben erinnert, weckt in sich das Gefühl für Sinn und das Bedürfnis nach neuem, frischen Leben. Wenn ich sage, was ich meine, und tue, was ich sage, bin ich bei mir, bin ich auch beim anderen und mitten im Leben und erfahre Sinn. Und jener Mensch erfährt am meis-ten und am tiefsten Sinn, der selber liebt.

RB: Sie haben bei Viktor Frankl studiert. Woran erinnern Sie sich bei ihm, was hat sich am stärk-
sten eingeprägt, wenn er in den Vorlesungen über den Sinn sprach?

Böschemeyer: Er war ein Bohrer. Er bohrte immer tiefer. Er begnügte sich nicht mit dem, was er einmal gedacht hatte. Deshalb dachten manche seiner Leser, dass er sich zu oft in seinen Schriften wiederhole. Nein, er holte immer wieder neue Aspekte zur Sinnfrage aus der Tiefe seines Geistes.

RB: Sie arbeiten mit Werten. Werte sind auch eine der Grundlagen für Sinn. Ihre Lieblings-Werte?
Böschemeyer: Ich hoffe, dass es nicht unbescheiden klingt: Das Wichtigste für mich persönlich ist die Liebe. Die Liebe, die nicht nur mich, sondern auch meine Mitmenschen, ja, das ganze Leben meint. Danach nenne ich die Freiheit. Da ich viele Jahre meines Lebens unfrei gewesen bin, ist sie mir wie eine Perle, die lange wie unter Staub gelegen hat. Schließlich der Mut. Denn Mut brauche nicht nur ich, braucht jeder Mensch, um in dieser zerrissenen Welt ein halbwegs beglückendes Leben führen zu können.

RB: Und schließlich: Was gibt denn Ihrem Leben ganz aktuell Sinn?
Böschemeyer: Drei Dinge kommen mir als Antworten auf Ihre Frage: Nach Jahrzehnten des Zweifelns ist mir Gott zur Gewissheit geworden. Gott nicht als bloßes Prinzip, sondern höchst anschaulich im Menschen Jesus von Nazareth. Meine Arbeit mit Menschen und ihren Lebensfragen. Mehr denn je und leidenschaftlicher denn je. Und meine geliebte Frau. Sie heißt Christiane.

Zur Person: Uwe Böschemeyer wurde 1939 in Oranienburg, Deutschland, geboren. Er studierte evangelische Theologie, Psychologie und Philosophie, war als Gemeindepfarrer und Hamburger Universitätspfarrer tätig. 1974 schloss er sein Doktoratsstudium mit einer Arbeit über die Sinnfrage in der Existenzanalyse und Logotherapie Frankls aus theologischer Sicht ab.

Er gründete 1982 das Hamburger Institut für Existenzanalyse und Logotherapie, 2005 die Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung in Lüneburg.

Auch in Salzburg ist der Professor und Buchautor gut bekannt – hier leitet er die „Europäische Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung“. Sein aktuelles Buch, gerade erst im Dezember 2021 erschienen, trägt den Titel „Wie man den Sinn des Lebens nicht findet“ (Story.one, 82 Seiten, ISBN 978-3-903715-14-1).

Autor:

Ingrid Burgstaller aus Salzburg & Tiroler Teil | RUPERTUSBLATT

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