Persönlichkeiten im Gespräch: Gudrun Sailer
Ich kann nicht abwaschen

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Die Österreicherin Gudrun Sailer arbeitet seit 17 Jahren im Vatikan. Vieles ist dort im Wandel, versichert die Journalistin. Radio Vatikan sucht den Weg zum vielseitigen Online-Medium, die Kurie sucht ihr neues Profil.

Wir sind am Weg vom Bahnhof in St. Pölten zu den Mary Ward Schulen. Was verbinden Sie mit dieser Strecke?
Gudrun Sailer: Das war mein Schulweg. Aus meinem Dorf kam ich mit dem Bus nach St. Pölten und fuhr mit dem Zug wieder nach Hause. St. Pölten war ganz anders. Ich komme nur noch selten vorbei, da sehe ich die Änderungen mit mehr Aufmerksamkeit.

War es eine bewusste Entscheidung, eine Ordensschule zu besuchen?

Sailer: Meine Eltern legten großen Wert auf gute Ausbildung. Für sie gab das Internat den Ausschlag. Meine Mutter sagte, ich müsste das Lernen lernen, und meinte, dass sie mir das im Internat besser beibringen können als zu Hause. Ich mochte das. Ich bin gut behandelt worden und denke mit Dankbarkeit zurück. Ab der dritten Klasse bin ich trotzdem täglich nach Hause gefahren, es war nicht weit. Die Lehrerinnen waren fantastisch. Naja, die Zeichenlehrerin und die Kochlehrerin waren nicht so super.

Kochen Sie gerne?
Sailer: Ich kann nicht kochen. Noch dazu lebe ich in einem Land, in dem großer Wert gelegt wird auf gutes Essen. Mein Mann übernimmt das Kochen und das Abwaschen. Er glaubt sogar, ich kann nicht abwaschen. Ich strenge mich nicht sehr an, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Nach der Schule haben Sie Literatur, Romanistik und Philosophie studiert, also nichts mit Religion. Wie hat sich Ihre Religiosität entwickelt?
Sailer: Die Schule war ganz klar katholisch. So eine selbstverständliche katholische Religiosität. Der Religionsunterricht hatte Niveau. Dann ging ich nach Wien studieren und bin von heute auf morgen weggeglitten. Ich habe mich später oft gefragt, wie das möglich ist. Dass man einfach so weggleitet und einem nichts fehlt. Ich wollte mich emanzipieren von allem Möglichen, was man am Land so macht. Es war keine feindliche Haltung gegen Kirche und Religion, sondern eine freundliche Gleichgültigkeit. Erst im Ernstfall merkt man dann, dass eine Basis da ist, an der man anknüpfen kann.

Was war der Ernstfall?
Sailer:
Die große Krise kam, als ich in Berlin meinen Job verlor. Berlin ist wirklich eine komplett säkulare Stadt. Da muss man sich auf die Suche machen, man stolpert nicht einfach so in ein tolles Hochamt. Ich hatte zwei Jahre lang für einen konservativen, pro-amerikanischen Radiosender gearbeitet. Nach dem 11. September 2001 verlor ich den Job, da war ich 31. Ich suchte dann im Internet nach Sonntagsmessen. Die Kirche, in die ich ging, war brechend voll. Vor mir saß Wolfgang Thierse und bot mir seinen Sitzplatz an. Ich wollte mich aber nicht hinsetzen, weil ich innerlich nicht so weit war. Ich wusste nicht, ob ich es da aushalten würde oder ob ich wieder weggehen müsste.

Haben Sie ausgehalten?
Sailer: Ja, ich war dabei bis zum Schluss. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich zur Kommunion gegangen bin. Es war mein letztes Jahr in Berlin, ich wollte weg. Und dann kam die Berufung nach Rom.

Wie sah die aus?
Sailer: Ich war zu dieser Zeit freie Radiojournalistin in Berlin und konnte davon gut leben. Trotzdem fehlte etwas. Im Augenblick einer Neuausrichtung wendet man sich nicht nur nach vorne, sondern auch zurück. Ich erinnerte mich, dass ich mit 13 eine Schul-Pilgerfahrt nach Rom mitgemacht hatte, auf den Spuren von Mary Ward. Alles hatte mich begeistert. Die Stadt, der Papst, die Audienzhalle. Meine Schulkameradin Konstanze war total begeistert, weil sie eine Fotokamera dabeihatte und den Papst fotografieren konnte! Dieses Romerlebnis hatte sich eingebrannt. Damals muss der Wunsch entstanden sein, einmal für länger nach Rom zu gehen. Dieser Gedanke war auf einmal wieder da. Dann erfuhr ich, dass Radio Vatikan Stellen ausgeschrieben hatte. Ich bewarb mich, musste einen Kreuzerltest machen, der offensichtlich nicht zu schlecht ausfiel. Das verdanke ich meiner Schule. Fragen wie: „Wie viele Stationen hat der Kreuzweg?“, „Was unterscheidet den Erzbischof vom Bischof?“, „Hat der Heilige Stuhl einen ständigen Beobachter bei der UNO?“ – solche Sachen. Ich schnitt mittelmäßig ab, aber besser als viele andere. Und bei der Probewoche hat es gut geklappt, so kam ich nach Rom.

Wie ist das Leben im Vatikan?
Sailer:
Der Vatikan ist eine Teilrealität der Kirche. Die Dinge, die man an der Basis nicht regeln kann, gehen an die Diözese. Wenn man sie dort nicht regeln kann, gehen sie weiter und landen irgendwann im Vatikan. Papst Franziskus möchte die Kurie reformieren und daraus eine Servicestelle, eine Diensteinheit machen. Also nicht mehr: Wir sitzen „oben“ im Vatikan und sagen euch, was Sache ist, sondern dass die Kurienbüros und Behörden wirklich im Dienst der Ortskirchen stehen, im Dienst der Bischöfe und Diözesen, der Menschen in den Gemeinden. Das erweist sich als schwieriger als ursprünglich gedacht. Papst Franziskus ist seit siebeneinhalb Jahren Papst, und es ist nicht ganz einfach, weder mit der Kurienreform noch mit diesem Dienstgeist.

Was heißt das für die Medienarbeit des Vatikan?
Sailer: Sich in diesen Dienst und in dieses neue Zuhören einzusortieren, in dieses neue Miteinander, das ist nicht einfach. Auch die medialen Möglichkeiten haben sich geändert. Sich als Kirche in der Öffentlichkeit zu präsentieren ist ja in einem Übergangsprozess, dessen Ende wir noch nicht absehen. Es ist bei uns so ein Herumstrudeln im Moment. Es gibt auch eine Medienreform, die nicht am Ende ist und auch nie zu einem Ende kommen wird, glaube ich. Es ist ein permanentes Nachdenken darüber, während man arbeitet.

Das klingt etwas unüberschaubar, chaotisch.
Sailer: Ja, natürlich ist es chaotisch. Aber ist es bei Ihnen anders? Es ist ein Sich-Zusammenraufen, ein Streiten über Ausrichtungen. In wessen Dienst stehen wir? Wir stehen natürlich im Dienst des Papstes. Aber das heißt gleichzeitig, dass wir im Dienst der Weltkirche stehen. Dass wir im Dienst der Leute stehen, die in Obergrafendorf in die Kirche gehen. Sind wir Journalisten und Journalistinnen? Sind wir eine Pressestelle? Was kommunizieren wir denn? Natürlich die Frohe Botschaft, dazu sind wir da. Aber es gibt immer auch Reibungsbereiche an dieser Frohen Botschaft. Und in wessen Dienst stehen wir da? Das sind alles offene Fragen.

Von welcher Kirche träumen Sie?
Sailer: Ich wünsche mir, dass es eine Kirche noch viel mehr im Miteinander sein wird als jetzt. Das muss eine Kirche sein, die nicht nur von oben nach unten schaut. Sondern, wie man es im Zweiten Vatikanum ja auch festgehalten hat, eine Kirche, die unterwegs ist. Ein gemeinsames Unterwegssein.

Diesem Bild widerspricht die jüngste Instruktion über Pfarrreformen, die Bischöfe belehrt und bevormundet, teils bis in Detailformulierungen.
Sailer: Ich finde dieses Dokument schwierig, weil es dem Geist des aktuellen Pontifikats widerspricht. Ich kann es mir nicht erklären.

Was ist der Geist des aktuellen Pontifikats?
Sailer:
Papst Franziskus wird oft missverstanden als politischer Papst, der auftritt wie ein Gewerkschaftsmann. Das tut er manchmal wirklich, aber er ist ein geistlicher Führer. Das war in der Coronakrise nicht mehr zu übersehen. Die Leute, die ihm von der einen oder anderen Seite Vorwürfe machen, konnten nun nicht mehr übersehen, dass er ein geistlicher Führer ist.

Sommerfrisch mit Gudrun Sailer
Gudrun Sailer ist seit 2003 Redakteurin bei Radio Vatikan beziehungsweise dessen Nachfolger Vatican News. Sie schrieb und redigierte mehrere geistliche und zeitgeschichtliche Bücher, zum Beispiel über Frauen im Vatikan (2008), einen christlichen Vatikan-Reiseführer (2009) oder über Papst Franziskus („Keine Kirche ohne Frauen“, 2016). Ursprünglich hatte sie Literaturwissenschaft, Französisch, Spanisch und Philosophie in Wien, Innsbruck, Klagenfurt und Sevilla studiert. Ihre journalistische Ausbildung erhielt Gudrun Sailer bei der APA – Austria Presse Agentur in Wien. Sie wirkte anschließend beim Kultursender Ö1 in Wien, bei Life Radio in Linz und beim damaligen Berliner Sender Hundert,6 sowie beim Deutschlandfunk. Die Vatikankennerin ist verheiratet und hat eine Tochter.

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Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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