Wort zum Sonntag - von H. Quirinus C. Greiwe can.reg.
„Er ist von Sinnen“

Die Evangelien berichten mehrfach von Dämonenaustreibungen durch Jesus. Ist Jesus mit dem Anführer der Dämonen im Bund – oder sind die bösen Mächte unter sich zerstritten und daher machtlos?
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  • Die Evangelien berichten mehrfach von Dämonenaustreibungen durch Jesus. Ist Jesus mit dem Anführer der Dämonen im Bund – oder sind die bösen Mächte unter sich zerstritten und daher machtlos?
  • Foto: Tafel aus der Bilderdecke der evangelischen Hofspitalkirche in Hof (Bayern).
  • hochgeladen von Kirche bunt Redaktion

Die Schriftgelehrten, die extra von Jerusalem her gekommen sind, holen zum großen rethorischen Schlag gegen Jesus aus: Er sei vom Teufel besessen, so sagen sie. Und zu allem Überfluss, stimmen die Verwandten Jesu in den Chor der Kritiker mit ein. Die Mutter Maria und seine Brüder sagen nämlich: „Er ist von Sinnen.“ Es ist eine unheilige Allianz, die sich da gegen den Gesalbten Gottes zusammenfindet und man reibt sich verwundert die Augen.

Möglicherweise führte eine spätere redaktionelle Zusammenfügung zweier zuvor getrennter Erzählungen zu diesem eigenwilligen Zusammentreffen von Familie und Schriftgelehrten. In der Tat scheint es so, als habe die Textstelle einen Bruch. Den Anfang macht die Familie, die zu Jesus kommt, der gerade in einem Haus lehrt. Dann treten plötzlich und unvermutet die Schriftgelehrten auf und führen mit ihm ein Streitgespräch. Schließlich schwenkt die Erzählung wieder zu Mutter und Brüdern zurück, ohne dass der Wechsel der Erzählperspektiven einen äußeren Zusammenhang hätte. Allein im Vorwurf der Besessenheit und des von Sinnen Seins treffen sich die beiden Erzählstränge, die jeweils mannigfaltige Deutungen zulassen und einige Rätsel und Unklarheiten aufweisen.

Die Familie bleibt draußen

Maria, die Mutter Jesu, sowie seine Brüder und Schwestern kommen, um Jesus zu holen („ihn zu ergreifen“). Das Auftreten ihres Familienmitgliedes in der Öffentlichkeit, des einfachen Zimmermanns aus der galiläischen Provinz, scheint ihnen peinlich zu sein. Sie verstehen nicht, warum Jesus wie ein Rabbi auftritt. Sie erkennen seine Mission nicht. Sie halten das alles für einen ausgemachten Unsinn.

Aber auch die junge Christenheit war von dieser biblischen Erzählung irritiert. Wie kann es sein, dass die Familie des Herrn, ja, dass sogar die Gottesmutter ihm so in den Rücken fällt? Möglicherweise liegt hier ein Grund für die vermutete redaktionelle Komposition mit dem Streitgespräch mit den Schriftgelehrten.

Die Familie aber dringt erst gar nicht zu Jesus durch. Sie muss draußen bleiben. Sie bleibt durch ihren fehlenden Glauben an die Mission des Sohnes und Bruders von ihm getrennt. Fremde berichten Jesus, dass seine Mutter vor der Tür steht. Anstatt jedoch der Mutter entgegenzueilen, schaut Jesus auf die um ihn herum Sitzenden und sagt: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Mutter und Bruder und Schwester.“ (Mk 3,34-35)
Jesus begründet damit eine geistliche Verwandtschaft, die sich im Glauben an den Vater begründet. Mehr noch: Eine gemeinsame Gotteskindschaft durch ihn selbst, den Sohn, der uns zum Bruder wird. Die Blutsverwandtschaft der Familie wird dadurch nicht aufgehoben. Doch tritt sie deutlich hinter der geistlichen Verwandtschaft zurück, einer Verwandtschaft, die sich bis heute in der Kirche als Gemeinschaft der Getauften fortsetzt.

Interner Streit ruiniert die Familie

Hier nun fügt sich die Kontroverse Jesu mit den Schriftgelehrten dann doch inhaltlich gut ein. In seiner Erwiderung auf den Vorwurf, er sei vom Teufel besessen und er treibe die Dämonen mit dem obersten Boss der Dämonen aus, deckt Jesus den inneren Widerspruch dieses Vorwurfs auf: „Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.“ Wenn die Dämonen einander bekämpfen, dann bricht ihre Herrschaft zusammen. Gemeint ist hier das „Reich des Bösen“.

Nicht wenige Familien haben eine ähn­liche Erfahrung gemacht. Der Streit ums Erbe, Neid und Missgunst, die Rivalität um die Gunst des Vaters – es gibt so viele Gründe für das Auseinanderbrechen familiärer Gemeinschaften. Die Erzählung von Kain und Abel steht wohl beispielhaft für das Gift der Sünde, das Familien zerstören kann.

So ist es aber auch mit der geistlichen Verwandtschaft der Brüder und Schwestern Chris­ti, der geistlichen Verwandtschaft in­nerhalb der Kirche. Rivalität, Neid und Missgunst, Karrierestreben, üble Nachrede und Verleumdung tragen das Gift der Sünde in die Kirche hinein. Dazu gehört auch, dass Konflikte mithilfe säkularer Medien öffentlich ausgetragen werden, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen, wenn Fehler, auch schwere Fehler instrumentalisiert werden, um gänzlich andere Ziele zu erreichen, die mit dem eigentlichen Sachverhalt gar nichts zu tun haben.

Eine Gemeinschaft kann nicht existieren, wenn sie innerlich zerstritten ist. Die Kirche kann ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, wenn ihre Glieder einander bekämpfen.

Die Evangelien berichten mehrfach von Dämonenaustreibungen durch Jesus. Ist Jesus mit dem Anführer der Dämonen im Bund – oder sind die bösen Mächte unter sich zerstritten und daher machtlos?
H. Quirinus C. Greiwe can.reg.
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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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