Wort zum Sonntag - von P. Felix Poschenreithner
„Eines fehlt dir noch …“

Gottesdienst in der Pfarre zur Unbefleckten Empfängnis in der Pfarre Tinguá bei Nova Iguaçu. Da die Kirche recht klein ist, finden die meisten Gottesdienste jetzt aufgrund der Corona-Pandemie im Freien statt.
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  • Gottesdienst in der Pfarre zur Unbefleckten Empfängnis in der Pfarre Tinguá bei Nova Iguaçu. Da die Kirche recht klein ist, finden die meisten Gottesdienste jetzt aufgrund der Corona-Pandemie im Freien statt.
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Vor einigen Monaten ist in unsere kleine Pfarre in Tinguá, einem Bezirk ganz am Rande der Millionenstadt Nova Iguaçu (im Großraum von Rio de Janeiro), eine Familie mit sechs Kindern zwischen zwei und 17 Jahren zugezogen. Da der Lebensgefährte die Frau verlassen hat, bleibt ihr allein die ganze Last der Erziehung und des Unterhaltes der Kinder. Sie versucht, durch Gelegenheitsarbeiten die Familie „über Wasser“ zu halten, was aufgrund der Pandemie und der dadurch bedingten enormen Zahl an Arbeitslosen noch zusätzlich erschwert wird. Einmal sagte mir die Frau: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, in meinem ganzen Leben bin ich noch nie in einem Supermarkt gestanden, um etwas zu kaufen, was ich gerne für mich und meine Kinder kaufen möchte. Immer kann ich nur das Allernotwendigste – Reis und Bohnen, aber manchmal auch bloß Maismehl – kaufen, um wenigstens den Hunger zu stillen.“

Das Evangelium des heutigen Sonntags erzählt von einem jungen Mann, der auf Jesus zuläuft, auf die Knie fällt und fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Jesus erinnert ihn an die Wichtigkeit der Gebote, die zu befolgen seien. Der junge Mann erklärt, dass er diese von Jugend auf befolge.
Ich denke, wir können uns gut hineinversetzen in die Lage des jungen Mannes. Vielleicht sehen wir, die wir in der Kirche, in einer Pfarre oder in einer bestimmten Aufgabe engagiert sind, unsere Situation ähnlich: Wir bemühen uns, unseren Glauben zu leben, die Gebote zu befolgen, die Begegnung mit Jesus zu suchen und so das ewige Leben zu erben.

Doch Jesus bleibt nicht bei der Antwort des jungen Mannes, dass er die Gebote befolge, stehen. Er umarmt ihn, zeigt ihm somit, dass er ganz bei ihm ist mit seiner liebenden Gegenwart und führt ihn einen Schritt weiter, der eine neue Dimension im Leben des jungen Mannes eröffnen möchte: „Eines fehlt dir noch.“

Ein Weg zur vollkommenen Liebe

Jesus zeigt ihm den Weg der Vollkommenheit, den Weg, der wirklich frei macht, den Weg, den er selber gegangen ist: „Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). Er ermutigt ihn, seinen Reichtum loszulassen, den Armen zu geben. Sein Reichtum wird ein anderer sein: ein Schatz im Himmel. Das ist keine billige Vertröstung, sondern erlösendes, befreiendes Wort, das in der Liebe verwurzelt ist.

Der junge Mann kann diesen Schritt nicht setzen. „Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ So berichtet uns der Evangelist Markus. Er geht traurig weg, denn obwohl oder vielleicht weil er viel hat, bleibt eine große Leere in ihm. Er hält die Gebote, kann aber den großen Schritt zu einer großzügigen und großherzigen Liebe, die sich total verschenkt, nicht setzen. Er bleibt Gefangener seines Besitzes, der, statt im Verschenken an andere eine Quelle der Liebe und Hoffnung zu werden, wie ein Stein seine Seele zu Boden drückt.

Der Monat Oktober als Monat der Weltmission erinnert uns an die vielen Menschen, die sich vom Wort Jesu ergreifen haben lassen: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe alles …; dann komm und folge mir nach.“ Durch diese Hingabe erwächst eine Dynamik der Liebe, die sich bis in die letzten Winkel der Erde aus­breitet. Eine Dynamik, die von vielen Menschen – Priestern, Ordensfrauen, Ordensbrüdern, Laien … – hinausgetragen wird in die Welt. Eine Dynamik der Liebe, die ich auch immer wieder erlebe, wenn ich im Urlaub nach Österreich komme und die Offenheit und Großherzigkeit der Menschen erfahren darf, die durch materielle Gaben, ihr Gebet, ihr Mittragen, diese Liebe konkret werden lassen. So bekommt die Liebe ein „Gesicht“: wie das jener Frau, von der ich zu Beginn erzählt habe. Es ist beeindruckend zu sehen, wie diese Dynamik der Liebe, die in so vielen Menschen in der Heimat lebendig ist, hinauswirkt in die Welt und Hoffnung – wie bei jener Frau – zu schenken vermag. Diese Liebe hat ihren Ursprung in der Umarmung, die Jesus uns schenkt, um uns zu jener Liebe zu ermutigen, mit der Er uns geliebt hat. Diese Liebe verändert uns und sie verändert die Welt. Und diese Liebe vermag uns das zu schenken, was wir ersehnen: bleibende Gemeinschaft mit Ihm.

Gottesdienst in der Pfarre zur Unbefleckten Empfängnis in der Pfarre Tinguá bei Nova Iguaçu. Da die Kirche recht klein ist, finden die meisten Gottesdienste jetzt aufgrund der Corona-Pandemie im Freien statt.
P. Felix Poschenreithner COp.
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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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