Interview mit Mag. Anita Lackenberger
Ein Film über ein Jahrhundert-Leben

Mag. Anita Lackenberger | Foto: zVg

Michael Memelauer (1874-1961), Bischof in der Diözese St. Pölten zwischen 1927 und 1961, wurde in den vergangenen Jahren wegen seiner „Silvesterpredigt“ über die Grenzen der Diözese hinaus bekannt. In der Predigt kritisierte der Bischof ganz offen das Euthanasieprogramm der Nazis. Die Filmemacherin Mag. Anita Lackenberger widmet Bischof Michael Memelauer ein Filmporträt. Die Dreharbeiten starten am 29. Februar. Im Vorfeld gab die Regisseurin „Kirche bunt“ ein Interview.

Was war für Sie der Auslöser, über dasLeben von Bischof Memelauer eine Filmdokumentation zu drehen?
Mag. Anita Lackenberger: Es war eine Information über die Silvesterpredigt zur Euthanasie, die mich auf Bischof Memelauer aufmerksam gemacht hat. Vor etwa vier Jahren gab es ja noch wenige öffentliche Informationen über den Bischof, nahezu nichts. Aber schon die Lektüre der Predigt hat mich fasziniert. Wie konnte er eine solche Predigt überleben, ohne im Konzentrationslager zu landen? Es wurden Menschen für viel weniger eingesperrt und umgebracht.

Welche Botschaft wird der Film haben? Was erwartet die Zuseher?
Lackenberger: Ein filmischer Blick in ein Jahrhundert-Leben, auch wenn der Bischof nicht 100 Jahre, sondern 87 Jahre alt geworden ist. Die Zeitspanne seines Lebens beinhaltet politische Umbrüche, soziale und wirtschaftliche Verwerfungen, Bürgerkrieg, Weltkriege, Unmenschlichkeit, Armut und Zerstörung, aber auch Aufbruch und Hoffnung. ,Veritati in caritate‘ – ,Der Wahrheit dienen in Liebe‘ – sein Lebenswort beschreibt seinen Zugang zu Leben und Glauben. Und das nehme ich auch als inhaltlichen Auftrag für den Film. Gedreht wird an Original-Schauplätzen, wo er gelebt und gewirkt hat: im Dom in St. Pölten und an vielen Plätzen seiner Diözese, von Seitenstetten, Oed-Öhling, Wallsee-Sindelburg, Krems bis Gmünd. Es findet sich heute noch so viel von Bischof Memelauer: Seine Möbeln, seine Kleidung oder auch handgeschriebene Bücher sowie auch die eine oder andere Erinnerung von Zeitzeugen, die ihn noch in ihrem Herzen tragen.

Seit Monaten beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Leben und der Persönlichkeit von Bischof Memelauer. Was ist für Sie das Faszinierende an ihm?
Lackenberger: Ein Mensch, der sein Handeln – verbunden mit einem tiefen Glauben – über jede Angst gestellt hat. Ein Vordenker, der seinen moralischen Kompass nicht an jede Strömung der Zeit anpasst. Er ist ein großer Niederösterreicher, ein großer Österreicher, der leider etwas vergessen wurde in der öffentlichen Wahrnehmung.

Die Silvesterpredigt von Bischof Memelauer, in der er u. a. mit den Worten „Vor unserem Herrn gibt es kein unwertes Leben“ vor dem Euthanasieprogramm der Nazis warnte, wurde in den letzten Jarhen über die Grenzen hinaus bekannt. Welchen Stellenwert hat diese Predigt im Film?
Lackenberger: Die Silvesterpredigt ist der Dreh- und Angelpunkt des Filmes, sozusagen der Beginn aller filmischen Überlegungen. Sie ist das Herzstück des Filmes.

Haben Sie im Zuge ihrer Arbeit herausgefunden, warum Bischof Memelauer diese Predigt ohne Verhaftung oder sons­tigen Repressionen überlebt hat?
Lackenberger: Eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Letztlich, glaube ich, waren es persönliche Verbindungen bzw. auch Wertschätzungen von Menschen, die ihn vielleicht aus früheren Zeiten kannten, aus Zeiten vor dem Nationalsozialismus. War es Glück? War es Res­pekt, vor einem „alten“ Bischof , sogar aus der nationalsozialistischen Bürokratie in Berlin, wie ich gelesen habe? Er war ein diskreter Mensch, dieser Michael Memelauer, und hat nie über Dinge geredet, die vielleicht eine Klärung möglich machen würden.

Sie sind, glaube ich, katholisch sozialisiert. Hat die Beschäftigung mit Bischof Memelauer etwas mit Ihnen persönlich bewirkt? Ihren Glauben vertieft?
Lackenberger: Wer in Österreich ist nicht katholisch sozialisiert? Was mich sehr beschäftigt: Warum wurde Michael Memelauer so schnell vergessen, warum blieb er nicht in unserer Erinnerung? Ich mag das Hartnäckige und Widerständige an ihm und wenn Sie so wollen, dann hat das meinen Glauben vertieft. Auf meiner Recherchereise bin ich einigen begegnet, die ihm begegnet sind und für viele war und ist er eindrücklich. „Er hat mir die Hand aufgelegt“, erzählt mir ein älterer Herr mit Tränen in den Augen von seiner Firmung. Und ein anderer Herr, der als ganz junger Mann sein letzter Kammerdiener war, erzählt von seiner Güte und Menschlichkeit, welche noch heute in seinem Leben präsent sind.

Am 29. Februar beginnen im St. Pöltner Dom die Dreharbeiten – kann man zuschauen oder darf man noch mitmachen?
Lackenberger: Man darf! Wir brauchen nicht nur am 29. Februar, sondern auch an vielen anderen Tagen Statisten und Statistinnen. Wir müssen den Dom mindestens dreimal füllen: für die Silvesterpredigt, aber auch für die Bischofseinführung 1927, sein 20-Jahr-Jubiläum 1947 und auch für eine große Szene im Luftschutzkeller unter dem Dom. So kann man erleben, was es heißt, einen Film „werden“ zu lassen. Bischof Michael Memelauer hat so viele katholische Vereine gegründet, die noch heute im kirchlichen Leben präsent sind, so viele Kirchen in der Diözese gebaut, es gibt viele und gute Gründe, sein Wirken mit einem Mitwirken am Film zu unterstützen. Film ist letztlich immer eine gemeinsame Arbeit und eine gemeinsame Botschaft. In diesem Fall eine Botschaft gegen das Vergessen von Bischof Michael Memelauer, einem großen Repräsentanten der österreichischen Geschichte.

Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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