Bischof em. Dom Alfredo Schäffler
Da ist der Ort, wo mich der Herr hinstellen wollte

Dom Alfredo Schäffler bei einer Dankmesse in seiner Heimatpfarre Waidhofen/Ybbs
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  • Dom Alfredo Schäffler bei einer Dankmesse in seiner Heimatpfarre Waidhofen/Ybbs
  • Foto: Wolfgang Zarl
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Am 18. Jänner wird Dom Alfredo Schäffler 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass baten wir den gebürtigen Waidhofner (Ybbs), der seit über 50 Jahren als Priester in Brasilien wirkt und davon 16 Jahre Bischof in der Diözese Parnaíba war, zum Interview. Dom Alfredo erzählt im Interview von seiner Berufung und seinem Wirken in Brasilien, er spricht über die bittere Armut der Menschen im Land, geht auf die Amazonien-Synode ein und erzählt, warum er ein Fest mit einem feierlichen Essen zu seinem 80. Geburtstag ausgeschlagen hat. Seine Wünsche zum Geburtstag hat er uns aber verraten.

Sie sind 1966 nach Brasilien gegangen. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?
Dom Alfredo Schäffler: Es war während einer Religionsstunde in der Handelsschule in Feldkirch, als im Schulfernsehen in einer Reportage Dom Edilberto Dinkelborg, der damalige Bischof von Oeiras im Nordosten Brasiliens, seine Diözese vorstellte – mit allen Herausforderungen: die von der Sonne ausgebrannte Gegend mit all dem Elend und der Not der Menschen, die vom Hunger gezeichnet waren; eine Diözese, die flächenmäßig größer war als Österreich; die Menschen, von denen sich weit über 90 Prozent zum katholischen Glauben bekannten; der Bischof, dem lediglich zehn Priester zur Verfügung standen. Die Leute, die zu Fuß und auf dem Maulesel oder Pferd stundenlang unterwegs waren, um ihre Kinder zur Taufe zu bringen oder Hochzeiten zu feiern. Da ist der Funke übergesprungen, der mich nicht mehr losgelassen und mein Leben voll verändert hat. Da habe ich erkannt: Das ist der Ort, wo der Herr mich hinstellen will, um meine wenigen Talente für die andern einzusetzen.

Wie groß war für Sie am Anfang die Umstellung auf Brasilien?
Dom Alfredo: Ich musste mein Leben in einer sehr einfachen und bescheidenen Weise beginnen, denn alles, was ich bei der Überfahrt mitgenommen hatte – und das waren doch einige Kisten –, war mir im Hafen gestohlen worden. Nach dem Studienabschluss in Sao Salvador wurde ich in Oeiras, dem Bischofssitz, zum Pries­ter geweiht. Der Bischof gab mir einen seiner alten Talare, den ich schwarz färben ließ. Mit dem wurde ich zum Priester geweiht. Fast zwei Jahre durfte ich dann an der Seite des Bischofs wirken. Als jüngstem Priester der Diözese hat er mir dann die größte Pfarre anvertraut, die flächenmäßig zweimal so groß war wie Vorarlberg. Es entstanden viele Basisgemeinden. Katecheten wurden ausgebildet und viele Jugendgruppen bildeten sich. Der Familienseelsorge schenkte ich ein besonderes Gewicht. Ich begann mit der Cursillo-Bewegung, welche den Menschen ermöglichte, ihren Glauben auf eine neue Weise kennenzulernen und zu vertiefen. Es sind auch ein Altenheim und Sozialzentrum entstanden. Dort versuchten wir, den Glauben der Pfarrgemeinde in Werke der Nächstenliebe zu verwandeln. Ich habe an vielen Orten unter einem Mangobaum die heilige Messe zelebriert, aber eine Gemeinde bildet sich nicht im Schatten von einem Baum. Die Leute suchen nach einer konkreten Referenz. So sind mit Hilfe der Menschen um die 30 Kirchen und Kapellen entstanden, die alle sehr einfach und bescheiden sind. Nach meiner Rückkehr aus Rom nach einem weiterem Studium kam ich in die Stadt Teresina, wo ich wieder eine Pfarre am Stadtrand übernahm. Wir konnten auch dort sehr lebendige Sozialzentren aufbauen, vor allem für die Kinder, die vielfach auf den Straßen ihr Daheim hatten. Es entstand auch eine sehr aktive Familienseelsorge, welche das Pfarrleben lebendig gestaltete. Ich hielt zudem Vorlesungen an der staatlichen Universität und am Priesterseminar und war dazu noch Vorsitzender des regionalen Kirchengerichtes.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, nachdem Sie Bischof von Parnaíba wurden?
Dom Alfredo: Als Bischof einer Diözese ist man vor allem für die Verkündigung der Frohen Botschaft verantwortlich. Die Priester, welche die Füße und Hände des Bischofs sind, gab es in sehr geringer Zahl in der Diözese von Parnaíba. Obwohl sich auch meine Vorgänger sehr eingesetzt hatten, den Priesterberuf zu fördern, war es mir möglich, mehr junge Menschen zum Pries­tertum zu führen. Als Bischof habe ich immer versucht, die Familienseelsorge und die Katechese zu fördern. Aber die Verkündigung muss auch stets von konkreten Zeichen der Nächs­tenliebe getragen werden. Wir konnten mit der Hilfe von vielen guten Menschen aus Österreich und Bayern verschiedene Sozialzentren errichten. Kinder, die nie genügend geliebt worden waren, fanden Aufnahme und wurden zu einem würdigeren Leben geführt. Jahrhundertelang hat man in Brasilien die Kinder getauft, einige wurden noch auf die Erstkommunion vorbereitet und sehr wenige auf die Firmung. Bedingt durch die geringe Zahl an Priestern in einem Land mit kontinentaler Ausdehnung konnte die Verkündigung der Frohen Botschaft die Menschen nicht zu einer Glaubensvertiefung führen. In „Evangelii nuntiandi“ heißt es sehr klar, dass es nicht darum geht, auf dekorative Art zu evangelisieren, sondern „mit vitaler Kraft in der Tiefe und bis zu ihren Wurzeln – die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden Sinn“.

Im Rahmen der Amazonien-Synode wurde auf die Situation im Amazonasgebiet, vor allem auf den Priestermangel, hingewiesen. Wie stellt sich die Lage konkret für Ihre Diözese dar?
Dom Alfredo: Bei der Amazonien-Synode wurde auch aufgezeigt, wie unser Land noch immer vom Priestermangel betroffen ist – vor allem im Amazonasgebiet. In unserer Gegend hier im Nordosten können wir mit Freude feststellen, dass die Plätze im regionalen Priesterseminar voll besetzt sind und wir an einen Zubau denken müssen.
Unsere Gegend ist von großen Trockenperioden gezeichnet. Diese wiederholen sich in gewissen Abständen. Mit eigenen Augen sah ich die menschlichen Skelette von zwei Männern, die in so einer Trockenperiode auf der Suche nach Wasser und Essen vom Berg herunterkamen und dann zusammengebrochen sind. Von den Aasgeiern wurden sie aufgefressen. Wenn man so etwas ansehen muss, kann man nicht „zum Tempel“ hinaufziehen, um Gottesdienst zu feiern. Man muss vom Pferd steigen und denen helfen, die am Straßenrand liegen. Zu meinem 80. Geburtstag wollte man für mich ein Fest mit anschließendem Festessen veranstalten. Das habe ich aber klar abgelehnt! Wie soll ich mich an eine gefüllte Tafel setzen, wenn so viele Menschen, die wie der biblische arme „Lazarus“, der vor der Tür herumliegt, vom Hunger gezeichnet sind? Täglich kommen Leute, die in der Hoffnung auf etwas Reis und Bohnen kilometerweit zu meinem Haus gehen. Ich bin sicher: Am Lebensabend werden wir nach der Liebe, die wir geben, gerichtet und nicht nach Titeln oder sonstigen Bezeichnungen.

Lassen die Reichen bzw. die reichen Länder dieser Welt die Armen im Stich?
Dom Alfredo: Brasilien ist ein reiches Land mit sehr vielen armen Menschen, die am Rande der Gesellschaft ihr Leben fris­ten. Aber leider sind wir ein ungerechtes Land. Wir leben in einer wachsenden Konsumgesellschaft, wo nur jene Menschen anerkannt werden, die produktiv sind. Die am Lebensanfang oder Lebensende stehen, werden vielfach vergessen, weil sie noch nichts produzieren oder nichts mehr produzieren. Diesen Kindern und alten Menschen galt mein Einsatz immer in besonderer Weise.
Persönlich empfinde ich tiefen Dank gegenüber den vielen Menschen in der westlichen Welt, die sich immer für eine gerechtere Welt eingesetzt haben und einsetzen. Dank der großen Hilfen von den kirchlichen Organisationen in Österreich und überhaupt in der westlichen Welt ist das Leben in der Kirche hier viel lebendiger geworden. Wenn wir die Menschen zu einem überzeugten Glaubensleben führen, werden wir auch die sozialen Strukturen verändern. Wir müssen immer neu an die Kraft der Frohen Botschaft glauben und darauf vertrauen.

Fühlen Sie sich heute als Brasilaner oder doch noch als Österreicher?
Dom Alfredo: Ich habe nie aus Vergleichen mein Leben gelebt. Von Anfang an habe ich immer versucht, Brasilianer für die Brasilianer zu sein, Freud und Leid mit den Menschen hier zu teilen. Ich bin tief von der Kraft des Wortes Gottes überzeugt: Dieses verändert die Menschen und die Gesellschaft und führt zusammen zu einer geschwisterlicheren Welt. Dafür habe ich mein Leben als Priester und Bischof eingesetzt.

Sie bleiben in der Diözese Parnaíba, haben Sie auch Heimweh nach Österreich?
Dom Alfredo: Mit tiefem Dank erinnere ich mich gerne an die alte Heimat in Niederösterreich. Im Ländle (Vorarlberg) war ich einst ein begeisterter Bergsteiger. Aber nach einem erfüllten und intensiven Leben, nach mehr als 50 Jahren hier in Brasilien passt man sicherlich nicht mehr an einen anderen Platz. Wenn ich nochmals beginnen könnte, würde ich wieder hier Priester werden – unter jenen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und sicherlich zu den Lieblingen Gottes gehören. Gegenwärtig kann ich noch als Kaplan in einer Pfarre, welche mehr als 40 Außenstationen hat, mithelfen. Solange der Herr mir die Gesundheit erhält, gehört mein Leben der Kirche hier.

Eneas Barros hat ein Buch über Ihre Lebensgeschichte geschrieben – was erwartet die Leser?
Dom Alfredo: Das Buch von Eneas Barros ist nicht so sehr nach meinem Willen entstanden. Auf die Vergangenheit blicke ich mit großem Dank zurück und die Gegenwart versuche ich mit Leidenschaft und Begeisterung zu leben. „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens“ – das steht auf meinem Computer. In die Zukunft schaue ich mit tiefem Vertrauen auf den Herrn. Und wenn ich zum 80. Geburtstag einen Wunsch habe, dann bitte ich den Herrn um eine gute Sterbestunde und mit Barmherzigkeit mir ein ewiges Leben zu schenken.

Dom Alfredo

Alfredo Schäffler kam am 18. Jänner 1941 in Waidhofen an der Ybbs zur Welt. Nach der Matura ging er nach Wien-Strebersdorf, wo er in die Ordensgemeinschaft der Christlichen Schulbrüder eintrat. Er war von 1963 bis 1966 in Feldkirch als Religionslehrer und Erzieher tätig. 1966 verließ er den Orden und ging nach Brasilien. Am 16. Juni 1968 wurde er im brasilianischen Bistum Picos zum Priester geweiht.

Neben verschiedenen Seelsorgeaufgaben in Brasilien studierte er ab 1978 Kanonisches Recht an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Ab 1985 war er Pfarrer in Teresina und Bischofsvikar für wirtschaftliche Angelegenheiten.

Am 15. März 2000 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Koadjutorbischof von Parnaíba. Am 3. Juni desselben Jahres empfing er die Bischofsweihe. Am 21.
Februar 2001 wurde Alfredo Schäffler in Nachfolge von Joaquim Rufino do Rêgo, der aus Altersgründen zurücktrat, Bischof von Parnaíba. Papst Franziskus nahm am 24. August 2016 seinen altersbedingten Rücktritt an.

Dom Alfredo Schäffler bei einer Dankmesse in seiner Heimatpfarre Waidhofen/Ybbs
Autor:

Sonja Planitzer aus Niederösterreich | Kirche bunt

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