Theologie
Welcher Friede denn?
- Jean Jacques Lagrenee (1739–1821): Jesus erscheint den Jüngern.
- Foto: Musée national des beaux-arts du Québec / voir.ca / Wikimedia Commons
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Der österliche Gruß des Auferstandenen verspricht den Aposteln den Frieden: Der Friede sei mit euch! Im Angesicht zahlreicher Kriege, massenhafter Christenverfolgung, politischer Zerrüttung im Westen lässt sich fragen: War das ein leeres Versprechen?
Wir leben in Zeiten ungeheurer Gewalt. Es herrscht Unfriede auf der ganzen Erde: politische Spaltung im Westen, die sich in Attentaten und gewaltsamen Protesten manifestiert; Kriege in vielen Teilen der Welt; Verfolgung von Christen und anderen religiösen Minderheiten durch autoritäre Regime und islamistische Fundamentalisten; massenhafte Ermordung ungeborenen Lebens – nach Schätzungen (vielerorts fehlen offizielle Statistiken) wurde etwa ein Drittel der Generation Z abgetrieben. Nicht nur in der Weltpolitik, auch im Alltäglichen zeigt sich Unfriede allerorten: Zwischen 35 und 40 Prozent der Ehen werden in Österreich geschieden, in der Republik nahmen sich 2024 über 1.000 Männer und über 300 Frauen das Leben. Unlängst wurde in Österreich der historische Höchststand von Drogentoten erreicht. Man übertreibt nicht, wenn man sagt: Die Lage ist ernst.
Jedes Jahr aufs Neue, ganz egal wie schlimm es auf der Welt zugeht, lesen die Priester und Diakone auf der ganzen Welt am ersten Sonntag nach Ostern jene Stelle des Evangeliums, in der der Auferstandene seinen Jüngern begegnet und er zu ihnen sagt: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19) Diesen alttestamentlichen Gruß wiederholt er mehrmals – es ist, als würde er durch die Wiederholung die besondere Bedeutung dieses Grußes zu genau dieser Stunde verdeutlichen wollen; und als würde er eine Zusage machen, die durch die Wiederholung eine besondere Bedeutung erhält: Der Friede wird tatsächlich mit euch sein! Dazu passt, dass Christus mit dem Friedensfürsten identifiziert wird, den der Prophet Jesaja (Jes 9,5) verheißt.
Inwiefern hat sich die Welt verbessert, seitdem Christus auf die Erde gekommen ist?
Doch offensichtlich fällt diese Verheißung mit der Realität, wie wir sie gerade erfahren, auseinander. Wo ist der verheißene Friede? Inwiefern hat sich die Welt verbessert, seitdem Christus auf die Erde gekommen ist?
Es gibt viele Momente der Geschichte, in denen man sich diese Fragen stellen kann. Wo war denn Gott, als massenweise Juden in Gaskammern sterben mussten? Wo regierte der Friedensfürst Christus, wenn millionenfach Menschen auf Schlachtfeldern sterben mussten?
Vielleicht haben sich die Jünger ähnliche Fragen gestellt: Wir sind einem Mann gefolgt, der uns das Reich Gottes versprochen hat. Und jetzt ist er tot! Alles, worauf wir gehofft haben, alles was wir geglaubt haben, ist am Kreuz gestorben. Warum?
In die Mitte der ängstlichen Jünger tritt dann der Auferstandene und er begrüßt sie auf eine Art, die ja damals schon eklatant im Widerspruch zur Realität stand. Die Jünger müssen sich verstecken, weil sie um ihr Leben fürchten: Gerade noch hat man einen beliebten und durch Wundertaten bekannt gewordenen Propheten ans Kreuz geschlagen, und im Angesicht der Erzählungen, dieser Jesus sei wieder auferstanden, lautet das offizielle Diktum der Hohepriester, seine Jünger hätten die Leiche geraubt (Mt 28,13). Klar, dass die Jünger sich verstecken.
Doch in diese verzweifelte Situation tritt nun der Messias – er ist wirklich auferstanden! – und sagt: „Der Friede sei mit euch.“ Aber er sagt noch mehr: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,22) und überträgt ihnen Vollmacht, in seinem Namen zu handeln, seinen Auftrag auszuführen. Sein Auftrag ist klar: Friede soll mit uns sein –Friede, den die Welt nicht geben kann, den sie nur durch Christi Tod und Auferstehung erlangt hat, zu dessen Durchsetzung er aber sein Jünger beauftragt hat, unter der Mithilfe des Heiligen Geistes. Der heilige Augustinus spricht hier von Concordia (Eintracht), einem Frieden, der nicht von dieser Welt ist.
In die menschliche Angst tritt die göttliche Zuversicht ein. Er bevollmächtigt seine Jünger, das Erlösungswerk weiterzutragen, die wirksame Gnade, die Christus für uns erworben hat, in alle Welt hinauszutragen. Es gibt mehrere dieser Aussendungserzählungen, was uns deutlich macht, dass die Jünger von damals nicht anders sind als die Menschen von heute. Sie haben in ihrer Angst und ihrer Sorge den mehrmaligen Zuspruch Jesu gebraucht. Am Ende des Matthäusevangeliums sagt Jesus: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Wir sind nicht allein – der Friedensfürst verlässt uns nicht.
Aber es ist auch an uns, den verheißenen Frieden Wirklichkeit werden zu lassen. Dass wir nicht passiv dem Werk Gottes gegenüberstehen, ist eine grundkatholische Haltung: Christus hat seine Kirche gegründet, die nicht nur eine Institution in Rom ist, sondern aus den lebendigen Gliedern – aus allen, die ihm folgen – besteht, damit alle diese Glieder, früher wie heute, teilhaben an dem großen Friedenswerk Gottes. Das Reich Gottes, in dem die Concordia besteht, ist schon da. Aber seine ganze Verwirklichung, in allen Herzen der Menschen, steht noch aus. Alle Jünger Christi haben den Heiligen Geist empfangen, um an dieser Verwirklichung mitarbeiten zu können.
Autor:Matthias Wunder aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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