Bischof Josef Marketz:
Heute sollte das Miteinander selbstverständlich sein

Heuer jährt sich die Kärntner Volksabstimmung zum 100. Mal. Welche Bedeutung hat dieses Datum?
Bischof Marketz: Vor 100 Jahren ist an allen Ecken und Enden in Europa und auch in Österreich gezogen und gezerrt worden, um die Staatsgrenzen festzulegen. Kärnten ist nicht die große Ausnahme. Am Schluss ist dieses Österreich, wie es heute ist, herausgekommen mit den Karawanken und den Karnischen Alpen im Süden. Nach 100 Jahren müssten diese Grenzen eine Selbstverständlichkeit sein.

Viel ist bei diesen Feiern die Rede von der „Kärntner Einheit“. Wie sieht diese aus?
Bischof Marketz: Ich selbst habe mich nie als etwas anderes denn als Kärntner gefühlt. Gott sei Dank ist vor 100 Jahren die Grenzziehung nach dem Zerfall der Monarchie so ausgegangen. Dazu brauchte es die Volksabstimmung, militärische Aktionen … Ich halte es für ziemlich übertrieben, nach 100 Jahren noch immer über die „Kärntner Einheit“ zu philosophieren.

1920 lief die Propagandamaschinerie auf beiden Seiten auf Hochtouren. Den Kärntner Slowenen wurde seitens Österreich vieles versprochen. Wurden die Kärntner Slowenen über den Tisch gezogen?

Bischof Marketz: Das glaube ich nicht. Es gab auf beiden Seiten massive Propaganda. Beide Seiten haben viel versprochen. Ob der SHS-Staat seine Versprechen eingehalten hätte, bezweifle ich.

Bei der Volksabstimmung haben viele Slowenen für Österreich gestimmt. Was ist danach schiefgelaufen?
Bischof Marketz: Der Landesverweser Arthur Lemisch hat nach der Volksabstimmung in Richtung slowenischsprachiger Minderheit gesagt: „Nur ein Menschenalter haben wir Zeit, diese Verführten zum Kärntnertum zurückzuführen…“ Das hat den Mythos von der „deutschen“ Kärntner Einheit geschaffen und gleichzeitig viel Gemeinsames zerbrochen. Man hätte auch sagen können, in Kärnten leben zwei Volksgruppen, wir haben zwei Landessprachen und sie sind gleichwertig. Leider ist das nicht passiert. Im Zweiten Weltkrieg hat sich das alles dann verschärft. Heute sollten wir diese geschichtlichen Entwicklungen, die schmerzhafte Ausgrenzungen zur Folge hatten, einbekennen und daraus lernen.

Die 100 Jahre nach 1920 waren eigentlich fast durchgehend von Spannungen bis hin zu offenen Konflikten zwischen den Volksgruppen geprägt. Wie beurteilen Sie die Rolle der Kirche in diesem Spannungsfeld?

Bischof Marketz: Nach 1920 wurden viele slowenischsprachige Priester und Lehrer ausgewiesen. Das war ein schwerer Schlag für die Volksgruppe. Die Priester in Südkärnten haben die slowenische Sprache weiterhin gelebt und darauf geschaut, dass sie weitergegeben wird. Für sie waren Religion, Sprache und Kultur eine Einheit. Da haben sich die slowenischsprachigen Priester von den deutschsprachigen nicht unterschieden. Das waren die nationalistischen Konzepte dieser Zeit. Während des II. Weltkrieges hat sich die Kirche für die Opfer des Nationalsozialismus eingesetzt – aber auf beiden Seiten. Bischof Rohracher hat sich für alle Opfer eingesetzt, nicht nur für die Slowenen, die massiv verfolgt wurden.

Die Kärntner Diözesansynode 1970/72 prägte ein gänzlich neues Bild des Zusammenlebens von deutsch- und slowenischsprachigen Kärntnern. Wie hat dieses Ereignis die weitere Geschichte geprägt?

Bischof Marketz: Die Kirche hat als Erste in diesem Land die Zerrissenheit erkannt. Der Begriff der „Kärntner Einheit“ wurde damals verwendet, um auszugrenzen. Die Kirche aber hat versucht, diese Einheit zu leben, indem man dem jeweils anderen wertschätzend begegnet. Die Kirche ist diesbezüglich bis heute konsequent geblieben und hat versucht, die Gesellschaft dem Evangelium gemäß zu prägen.

Welche Rolle spielte die Synode in der politischen Entwicklung?
Bischof Marketz: Die Leistung der Kirche war, dass sie nicht nur schöne Synodenpapiere verfasste, sondern dass die beiden Haupt-protagonisten Valentin Inzko und Ernst Waldstein persönlich von Pfarre zu Pfarre gegangen sind. Sie wurden dafür von manchen angefeindet, blieben aber konsequent. Aus ihrem Glauben heraus waren sie überzeugt, dass es den Mut zur Versöhnung braucht. Heute sehen wir, dass es nur diesen Weg gibt. Darauf bauen alle späteren Fortschritte, die erzielt wurden. Ob dies im Bereich der Kultur oder der Politik ist. Heute sind wir auf der Suche nach einem wertschätzenden Miteinander schon sehr weit gekommen.

Weit über die eigentliche Zeit der Synode hinaus haben Valentin Inzko und Ernst Waldstein das Miteinander gestaltet – etwa im deutsch-slowenischen Koordinations-Ausschuss. Wie hoch ist die Bedeutung der beiden Persönlichkeiten für eben dieses Miteinander einzustufen?
Bischof Marketz: Den beiden, die sich so für das Miteinander der Volksgruppen eingesetzt und dieses auch gelebt haben, sollte man ein Denkmal errichten. Das haben sie sich verdient. Waldstein und Inzko haben den Boden beackert und aufbereitet. Sie haben die Menschen in einen Dialog gebracht. Das führte auch manchmal zu Konflikten. Man hat offen über die Verletzungen gesprochen, um sie dann heilen zu können. Das haben diese beiden in einer Zeit erreicht, in der manche Beobachter einen Bürgerkrieg in Kärnten befürchtet haben. In Kärnten haben viele erst sehr viel später umgedacht und die Notwendigkeit des Dialoges erkannt. Damals haben dieselben Personen noch die Feindschaft geschürt und den beiden die Arbeit nicht gerade erleichtert.

Die Feierlichkeiten am 10. Oktober 2020 unterscheiden sich wesentlich von denen der vergangenen 100 Jahre. Ist Kärnten am Ziel einer Versöhnung der Volksgruppen angekommen?
Bischof Marketz: Es gibt für das Miteinander keinen Ziel- oder Endpunkt. Wir sind auf einem guten Weg. Es gibt sicher noch viele offene Themen. Ich habe die Zeiten massiver Spannungen erlebt, als man sich nicht traute, in der Öffentlichkeit slowenisch zu sprechen. Von daher wurden gute Fortschritte gemacht, und darüber bin ich glücklich. Man muss auch sagen, dass wir in einer globalen Welt vor ganz anderen Herausforderungen stehen. Da ist die Verbindung der beiden Kulturen eindeutig eine Chance.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche für einen positiven Weg in die gemeinsame Zukunft?
Bischof Marketz: Ich glaube, dass sich an dieser verbindenden Aufgabe der Kirche, die sie seit der Synode wahrnimmt, nichts geändert hat. Ich verstehe mich einfach als Kärntner Bischof, der beide Sprachen spricht. Aber die wirklichen Herausforderungen der Kirche stellen sich für beide Volksgruppen gleich. Ob dies der Priestermangel ist oder die Suche nach spirituellen Zugängen und nach einem guten Leben. Wir müssen die Menschen auf Gott aufmerksam machen. Ich mache das in beiden Sprachen – das ist nichts Besonderes, sondern sollte normal sein.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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