Gerhard Stark im Gespräch mit Gerald Heschl
Es geht darum, wie wir als Menschen mit unseren Mitmenschen umgehen

Der gebürtige Kärntner über Glaube und Medizin, die besonderen Herausforderungen und Schönheiten des Arztberufes und den assistierten Suizid.

Sie sind gebürtiger Kärntner, haben in Klagenfurt eine HTL besucht und sind dann nach Graz zum Medizinstudium gegangen. Mit welcher Motivation sind Sie Arzt geworden?
Stark: Als Kind wollte ich Tierarzt werden, es war aber aufgrund der finanziellen Situation in unserer Familie nicht klar, ob ich jemals studieren kann. So habe ich die HTL für Maschinenbau besucht, um eine Berufsausbildung zu erhalten. Nach der Matura musste ich noch Biologie und Latein nachholen und konnte dann in Graz mit dem Medizinstudium beginnen. Einer, der mich auf diesem Weg bestärkt und begleitet hat, ist der ehemalige Dompfarrer Horst-Michael Rauter. Er hat es mir auch ermöglicht, in der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde zu wohnen, die ebenfalls eine starke Prägung hinterließ.

Sie sind stark katholisch geprägt. Eine Frage, die sich aktuell immer wieder stellt, ist die nach Glauben und Wissenschaft. Wie geht das zusammen?
Stark: Ich werde immer wieder gefragt, wie ich als Techniker und Wissenschaftler ein gläubiger Mensch sein kann. Ich sage so: Wissenschaft hätte keine Existenzberechtigung, gäbe es nicht das Nicht-Erklärbare zwischen Himmel und Erde. Damit hat Glaube immer einen Platz und Wissenschaft immer etwas zu tun. Das Unerklärbare ist ja der Boden der Wissenschaft und des Glaubens. Ich bin überzeugt, dass beides Platz hat.

Was gibt Ihnen persönlich der Glaube?
Stark: Für mich gibt der Glaube Halt im Leben. Er schafft Vertrauen.

Wo sich Glaube und Medizin treffen, ist die Frage der Medizinethik. Ganz aktuell läuft diese Debatte rund um den assistierten Suizid. Als Intensivmediziner, aber auch als Spitals- und Krankenanstaltsleiter sind Sie mit dieser Frage unmittelbar konfrontiert. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation mit der neuen Gesetzesvorgabe?
Stark: Eines steht für mich fest: Der assistierte Suizid ist keine Leistungsoption in Krankenanstalten. Ich sehe ihn eigentlich als Ansporn, den Menschen Alternativen aufzuzeigen. Wenn dies nicht gelingt und Menschen die Option des assistierten Suizids wählen, sehe ich es als Versagen der Medizin. Wichtig ist mir aber, Menschen, die sich für den assistierten Suizid entscheiden, nicht allein zu lassen. Wir dürfen diese Entscheidung eines Menschen nicht bewerten, sondern müssen ihn trotzdem begleiten.

Die Alternative wäre ein Ausbau der Hospiz- und Palliativmedizin?
Stark: Das sind Schlagworte. Was sich dahinter verbirgt, ist etwa die Frage der Zuwendung. Es sind oft vielfältige Sorgen, die Menschen so weit treiben. Ganz entscheidend ist es, ob der Mensch Perspektiven in seiner Lebenssituation erkennt. Vielleicht ist es auch eine unzureichende Schmerzmedikation, die verbessert gehört. Das kann man alles unter Hospiz und Palliativ zusammenfassen. Ich beobachte nur, dass diese Begriffe oft sehr institutionalisiert gesehen werden. Es geht aber darum, wie wir als Menschen mit unseren Mitmenschen umgehen.

Das sind Fragen, die sich oft im Vorfeld schon stellen. Spielt auch hier der Glaube eine Rolle?

Stark: Natürlich spielt es eine Rolle, welche Weltbilder der Mensch hat. Welches Bild hat er sich zu seinem Leben geschaffen? Kann er es auch in den schwersten Stunden seines Lebens noch bereichern? Als Arzt bin ich da sehr hoffnungsvoll. Ich sehe aus der Erfahrung, dass es gelingen kann, Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Auch wenn die Situation aus der Sicht eines Gesunden aussichtslos erscheint.

Ist nicht gerade das eine der großen Herausforderungen für den Arzt, über das Medizinische hinaus Hilfe zu bieten?
Stark: Ja, aber es ist eine wunderschöne Aufgabe. Heute spielt jeder gerne Arzt und urteilt voreilig. Ich denke an einen Patienten mit zwei Schlaganfällen, der sich nicht rühren kann. Man könnte sich denken: Mein Gott, was ist das für eine Lebensqualität? Dann kommt man zur Visite und die Schwester sagt: „Haben Sie gesehen, heute ist er gut drauf!“ Dann schaut man hin und fragt sich, wie kommt sie zu diesem Urteil? Sie sagt: „Der Herr hat heute schon drei Löffel gegessen, und er schwitzt nicht.“ So ist eine ganz besondere Art der Kommunikation zwischen Patienten und Schwester entstanden. Sie zeigt eine andere, besondere Art des Lebens. Wir wissen nicht, was vor uns liegt. Daher müssen wir dem Leben gegenüber offen und sensibel sein, ohne vorschnell zu urteilen.

Kann der Glaube auch eine Stütze sein?
Stark: Es gibt eine Untersuchung, die klar feststellt, dass sich gläubige Menschen generell leichter tun, mit schweren Lebenssituationen umzugehen. Ich erlebe gläubige Menschen als Patienten in Extremsituationen in einer größeren Gelassenheit.

Wie zeigt sich das?
Stark: Im Gesundheitswesen erheben heute viele Menschen eine Form von Garantieanspruch. Dieser macht aber auf beiden Seiten unheimlichen Stress: auf Seiten der Patienten, die auf der Erfüllung dieses Anspruches bestehen; auf Seiten der Pfleger und Ärzte, die dem Garantieanspruch gerecht werden wollen. Der glaubende Mensch hat den riesigen Vorteil, hoffen zu dürfen und nicht den Garantiefall einfordern zu müssen. Hier sehe ich diese Gelassenheit.

Gibt es hier einen Unterschied zwischen Ordenskrankenhäusern und öffentlichen Krankenhäusern?
Stark: Nicht immer gelingt Medizin. Schicksal kann vom glaubenden Menschen leichter angenommen werden, während es für den Menschen, der nicht glauben kann, sehr schnell zum Schadensfall wird. Das sehe ich auch im Bereich öffentlicher Krankenhäuser im Vergleich zu Ordenskrankenhäusern. Im Ordenskrankenhaus hat der Begriff Hoffnung noch Platz. In öffentlichen Krankenhäusern wird Hoffnung sehr schnell durch eine geforderte Garantieleistung ersetzt. Im Ordenskrankenhaus hat auch der Terminus Schicksal noch einen Platz, während er in öffentlichen Krankenhäusern zunehmend schneller zum Schadensfall erklärt wird. In Summe kann man sagen, dass in Ordenskrankenhäusern im Vergleich zu öffentlichen Krankenhäusern die Summe der Erfolgsgeschichten und der Problemfelder durchaus vergleichbar sind, deren Ausprägung weisen jedoch gewisse Unterschiede auf.

Können Sie von Ihren Erfahrungen aus den Ordenskrankenhäusern etwas mitnehmen?
Stark: Ordenshäuser haben eine über Jahrhunderte aggregierte Wertehaltung als genetischen Code. Ich denke, dass das ihr größter Schatz ist. Öffentlichen Krankenhäusern fehlt oft das Bewusstsein, wie wertvoll ihre Wertehaltung ist. Ich würde heute jedem öffentlichen Krankenhaus sagen: Pflege deine Wertewelt!

Sie sind auch kirchlich und gesellschaftlich engagiert. Was bedeutet Ihnen das Ehrenamt?
Stark: Eine Art Wahlspruch meiner Eltern lautete: Österreich braucht ein Engagement der Bürger. Ich habe viel von der Gesellschaft bekommen, dass ich auch etwas zurückgeben möchte.

ZUR PERSON
Univ.-Prof. Ing. Dr. Gerhard Stark wurde 1961 in Friesach geboren. Nach der HTL für Maschinenbau in Klagenfurt hat er in Graz Medizin studiert. Seit 1993 ist er Facharzt für Innere Medizin, außerdem ist er Zusatzfacharzt für Angiologie und für Intensivmedizin. Zuletzt war er Ärztlicher Direktor der Ordensprovinz der Barmherzigen Brüder Österreich und damit auch für die Elisabethinen Klagenfurt und die Barmherzigen Brüder St. Veit zuständig. Seit 2021 ist Gerhard Stark Ärztlicher Leiter der steirischen Krankenanstalten KAGES. Stark war u. a. Gemeinderat und Vorsitzender des Pfarrgemeinderates seiner Heimatgemeinde Mooskirchen. Gerhard Stark ist verheiratet und hat drei Kinder.

Autor:

Carina Müller aus Kärnten | Sonntag

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