Fastenhirtenbrief von Bischof Josef Marketz
Ein neuer Frühling

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Liebe Schwestern und Brüder!

Mein erstes Jahr als Bischof war wegen der Corona-Pandemie über weite Strecken eine bedrückende Zeit. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es keine so umfassende Einschränkung des öffentlichen, privaten und vor allem auch kirchlichen Lebens. Wir alle hoffen und warten auf das Ende der Pandemie, ohne exakt vorhersagen zu können, wann all die Beschränkungen, die so schmerzlich unseren Alltag bestimmen, einem neuen Frühling Platz machen und uns wieder frei durchatmen lassen, ganz im Sinne der Botschaft Jesu: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)
Mit „Leben in Fülle“ bezeichnet die Bibel ein erfülltes, nach ethischen Grundsätzen ausgerichtetes, im Wesentlichen zufriedenes Leben. Völlige Freiheit von Leid kann damit nie verbunden sein, aber das Gefühl, im Einklang mit dem eigenen Gewissen, mit den uns umgebenden Menschen und auch mit Gott zu leben. Lassen wir uns nach fast einjähriger „Fastenzeit“ des Verzichts und der Einschränkungen beschenken mit diesem neuen Leben in Fülle! Die kommenden 40 Tage mögen uns dazu ein Anstoß sein, wenn wir uns mancher vielleicht schon vergessener Formen des Gebets, des Fastens und der Nächstenliebe bewusst werden und sie neu einüben. Sie sollen helfen, uns in Vertrauen und Glauben, in Hoffnung und Zuversicht, in Solidarität und Liebe zu erneuern. In vielem wollen wir nicht zu alter Normalität zurückkehren, sondern unser Leben neu gestalten.
Für diese „neue“ Normalität hat Papst Franziskus den Katholikinnen und Katholiken im Apostolischen Schreiben „Patris corde“ den heiligen Josef, Bräutigam Marias, als besonderes Vorbild empfohlen und deshalb auch ein „Jahr des hl. Josef“ ausgerufen. Wie so viele stille Helden in der Pandemie sei, so Papst Franziskus, der Ziehvater Jesu ein Vorbild an kreativem Mut und Bescheidenheit, Treue, Zärtlichkeit und Verantwortung. Vor allem sollte der hl. Josef „eine neue Normalität begründen, in der niemand ausgeschlossen ist“.
Wertschätzung der „einfachen Leute“
Wörtlich schreibt der Papst: „Dieser Wunsch ist jetzt in den Monaten der Pandemie gereift. In dieser Krise konnten wir erleben, dass unser Leben von gewöhnlichen Menschen – die gewöhnlich vergessen werden – gestaltet und erhalten wird, die weder in den Schlagzeilen der Zeitungen und Zeitschriften noch sonst im Rampenlicht der neuesten Show stehen [...] Wie viele Menschen üben sich jeden Tag in Geduld und flößen Hoffnung ein und sind darauf bedacht, keine Panik zu verbreiten, sondern Mitverantwortung zu fördern. Wie viele Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer zeigen unseren Kindern mit kleinen und alltäglichen Gesten, wie sie einer Krise begegnen und sie durchstehen können, indem sie ihre Gewohnheiten anpassen, den Blick aufrichten und zum Gebet anregen. Wie viele Menschen beten für das Wohl aller, spenden und setzen sich dafür ein. Alle können im heiligen Josef, diesem unauffälligen Mann, diesem Menschen der täglichen, diskreten und verborgenen Gegenwart, einen Fürsprecher, Helfer und Begleiter in schwierigen Zeiten finden. Der heilige Josef erinnert uns daran, dass all jene, die scheinbar im Verborgenen oder in der ‚zweiten Reihe‘ stehen, in der Heilsgeschichte eine unvergleichliche Hauptrolle spielen. Ihnen allen gebührt Dank und Anerkennung.“ (Auszüge aus dem apos-tolischen Schreiben „Patris corde“)

Diesem Blick der besonderen Aufmerksamkeit für die „einfachen Leute“ möchte ich mich anschließen und alle Seelsorger und Gläubigen mit hineinnehmen, die in dieser Zeit Gottes Beistand – noch mehr als sonst – Vertrauen schenken und dies in Gebet und Gottesdienst bezeugen.
Die komplexe Realität der Familien
Angeregt durch die belastende Situation vieler Familien während der Corona-Pandemie hat Papst Franziskus beginnend mit dem Gedenktag des hl. Josef am 19. März zusätzlich auch ein Jahr der Familie ausgerufen. Dabei geht es dem Papst darum, „das Ideal der ehelichen und familiären Liebe neu vor Augen zu führen“, gleichzeitig aber auch ihrer komplexen Realität Aufmerksamkeit zu schenken. Im Sinne einer neuen Gerechtigkeit wollen wir in diesem Jahr den Blick einer Kirche wagen, die die Menschen kennt, die um die Sehnsucht der Menschen nach Einheit und Verlässlichkeit weiß, die sich des Weg- und Prozesscharakters der Ehe bewusst ist, die dem Leben traut und der es darum geht, Ehe und Familie in allen Situationen zu fördern. An Maria, Josef und Jesus können wir lernen, dass der Zusammenhalt stärker ist als die Bedrohung, dass Liebe Ängste, Missverständnisse und Enttäuschungen überwindet, dass die Überforderung auch einen sicheren Ort hat, wo sie sein darf und sich in Kraft wandelt. Solche Orte wollen wir einander schenken und in unserer Kirche für möglichst viele anbieten.
In der Lesung zum ersten Fastensonntag hören wir, dass Gott nach der großen Katastrophe und der Flut einen neuen Anfang setzt und einen Bund mit Noach schließt, ganz ohne Vorbedingungen. Die kommenden Wochen der Fastenzeit und die Feier von Karwoche und Ostern – wenn auch in ungewohnten und neuen Formen – sollen und wollen die gemeinsame Überzeugung in uns wachhalten, dass selbst in dieser herausfordernden Situation viel Potenzial zum Guten steckt: viel Glaube, viel Hoffnung, viel Liebe! „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, ruft uns der Apostel Paulus zu (2 Tim 1,7).
Auf die Fürsprache des hl. Josef, der nicht nur mein Namenspatron, sondern auch Schutzpatron des Landes Kärnten ist, segne euch der alle Menschen liebende Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

+ Josef Marketz
Diözesanbischof

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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