Prim. Rudolf Likar im Gespräch
Seelsorge darf man nicht aussperren

Prim. Rudolf Likar ist Corona-Koordinator des Landes Kärnten, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Notfallmedizin am LKH Klagenfurt und stv. Vorsitzender der KA Kärnten. Im SONNTAG-Interview spricht er über die Lehren aus dem Lockdown, den weiteren Verlauf der Pandemie und was jeder einzelne tun kann, um den Winter gesund zu überstehen.

In Ihrem Buch „Bereit für das nächste Mal“, das im Frühjahr erschienen ist, kritisieren Sie die Politik des Lockdowns. Sind Sie heute zufriedener mit den Maßnahmen – sprich: Hat die Politik aus dem Frühjahr gelernt?
Likar: Ich freue mich, dass viele Punkte, die in unserem Buch gefordert wurden, inzwischen umgesetzt sind. Dennoch meine ich, wir haben den Sommer verschlafen. Da wurde ein Hochgefühl verbreitet, als sei die ganze Corona-Geschichte Vergangenheit. Das schöne Sommerwetter und der Tourismus standen im Mittelpunkt. Die Angstsprache des Frühjahrs hat sich schrittweise gewandelt und ist jetzt Prophezeiungen gewichen. Man hätte aber die Lehren aus dem Frühjahr ziehen müssen, um sie jetzt im Herbst umzusetzen.

Wie zum Beispiel?
Likar: Ganz wichtig wären Schulungen gewesen. Man hätte intensiv zeigen sollen, wie man Masken richtig trägt, die richtige Desinfektion der Hände oder die richtige Begrüßung. Das hat man versäumt. Dabei wären gerade solche Schritte ganz wichtig, um Neuinfektionen zu verhindern.

Nehmen wir an, dass es längerfristig keine Impfung, aber auch keine wirksamen Medikamente gibt? Wie wird sich das Leben ändern?
Likar: Selbst wenn wir einen Impfstoff haben, frage ich mich, wie viele Leute sich bei uns impfen lassen werden? Gegen Grippe sind es acht Prozent. Selbst wenn wir die Zahl verdreifachen, sind es nur 24 Prozent. Das ist viel zu wenig. Die Krankheit wird deshalb nicht verschwinden. Man wird also weiter mit Mund-Nasen-Schutz, verstärkter Hygiene und Abstandsregeln leben müssen. Früher hatten die Leute am Rückspiegel ihres Autos einen Rosenkranz hängen, heute hängt dort der Mund-Nasen-Schutz. Der Umgang mit Corona wird so selbstverständlich wie mit der Grippe. Corona ist weder eine Strafe Gottes, noch ein Glaubensersatz, noch ein Verbrechen. Es ist eine Erkrankung. Wenn wir das Glück haben, dass das Virus schwächer wird, haben wir nächstes Jahr einen normalen Sommer. Darauf hoffen wir alle.

Die Covid-Maßnahmen führten zu Arbeitslosigkeit, Armut, Vereinsamung … Welchen Einfluss auf die Gesellschaft insgesamt wird diese Pandemie haben?

Likar: Die Folgen zeichnen sich schon jetzt ab. Wir haben derzeit 20 Prozent mehr Depressionen, ebenso viel mehr Angst- und Schlafstörungen. Diese Spirale wird sich weiterdrehen, wenn immer mehr Menschen entlassen werden. Das Virus dominiert derzeit alle Gesprächsthemen. Aber Gesundheit ist mehr, als nicht krank zu sein. Sie definiert sich als körperliches und seelisches Wohlbefinden.

Sie haben als Vizepräsident der Katholischen Aktion die Maßnahmen der Kirchen im Frühjahr kritisiert. Jetzt gibt es ein wesentlich zurückhaltenderes Vorgehen. Ist das richtig?
Likar: Ich denke schon, dass das der richtige Weg ist. Die Menschen suchen in solchen Zeiten Rituale, an denen sie sich anhalten können. Da ist es traurig, wenn sich auch die Kirche zurückzieht. Ich habe aber das Gefühl, dass jetzt neue Wege beschritten werden. Ich denke da an die Krankenhausseelsorge, die im Lockdown nicht möglich war. Das sollte nie mehr geschehen. Man darf die Seelsorge und die Spiritualität nicht aussperren.

Glauben Sie an einen zweiten Lockdown?
Likar: Es gibt Gerüchte, aber davon halte ich nichts. Ich habe eher das Gefühl, dass es einen Wettkampf in der Regierung gibt, wer die strengeren Maßnahmen vorschlägt. Ich hätte das Ampelsystem für sehr vernünftig gehalten. Jetzt haben wir die Ampel nur noch zum Schein, denn gültig sind die österreichweiten Maßnahmen. Aber im Mölltal gibt es nicht einen Infizierten. Warum also muss man dort den Mund-Nasen-Schutz tragen? Das verstehen die Leute nicht.

Was ist die Ursache für den massiven Infektions-Anstieg?
Likar: Sie müssen schon unterscheiden zwischen Infizierten und Erkrankten. Nur ein Fünftel der Infizierten ist auch krank. So haben wir mit heutigem Tag in ganz Kärnten sieben Covid-Patienten in Krankenhäusern, davon zwei auf der Intensivstation. Man sollte also das Augenmerk auf die Erkrankten legen und nicht mit den hohen Infektionszahlen Ängste schüren. Denn jemand, der positiv getestet ist, aber keine Symptome aufweist, steckt auch kaum Leute an.

Was kann man außer dem Tragen der Maske noch tun, um gesund zu bleiben?
Likar: Wichtig ist es, das seelische und das körperliche Immunsystem zu stärken. Ich halte es für ganz wichtig, dass man nicht angsterstarrt oder gar panisch auf die Zahlen schaut. Vorsicht ist gut, aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ganz wichtig für die seelische Gesundheit halte ich auch alle Formen der Spiritualität. Für die körperliche Gesundheit ist es wichtig, sich viel im Freien aufzuhalten, Bewegung zu machen. Dann natürlich Vitamine, ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung. Man soll sich aber auch etwas gönnen und mit Freude durchs Leben gehen.

Manche sind voller Hoffnung, dass die Pandemie zu mehr Solidarität führt. Andere befürchten das Gegenteil. Was wird Ihrer Meinung nach als Sieger hervorgehen: die Empathie oder der Egoismus?
Likar: Der Egoismus wird siegen. Wir sind schon so lange auf dem Weg des Egoismus, dass ich mir keine Wende vorstellen kann. Ich fürchte sogar, dass das Virus das materialistische Denken in der Gesellschaft noch verstärken wird. Dem Virus wird derzeit alles untergeordnet. Ein Beispiel: Wir haben auf der Welt jedes Jahr acht Millionen Hungertote. Es gibt weder einen entsprechenden Aufschrei noch weltweite Maßnahmen dagegen.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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