Kirche hinkt der Gesellschaft nach

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In der Slowakei tobt eine Art „Kulturkampf“. Die Grenzlinie in diesem Kampf sehen manche zwischen „Kirche“ auf der einen und „Säkularisierung“ auf der anderen Seite. So einfach ist das aber nicht. Der slowakische Pastoraltheologe Jozef Žuffa erklärt im Interview seine Sicht eines komplexen Themas.

Interview: Monika Slouk

Papst Franziskus reist nach Ungarn und in die Slowakei

Sonntagmittag, 12. September, feiert Papst Franziskus die Abschlussmesse mit den Teilnehmenden des Eucharistischen Kongresses in Budapest. Gleich danach reist er in die Slowakei, wo er bis Mittwoch, 15. September, Menschen an verschiedenen Orten begegnet: von der Staatsspitze in Bratislava bis zur ostslowakischen Roma-Siedlung. Die Slowakei gehörte über 800 Jahre lang zu Ungarn, bevor sie 1918 Teil der Tschechoslowakei (mit einem Intermezzo als eigenständige hitlerfreundliche Diktatur unter dem Priesterpräsidenten Jozef Tiso von 1939–45) und am 1. Jänner 1993 selbständig wurde. Ein junger Staat also, der ähnlich wie Polen oder Kroatien zu den katholischen Ländern Europas zählt.

Jozef Žuffa, Sie beschäftigen sich als Pastoraltheologe wissenschaftlich mit den verschiedenen „Lagern“ der slowakischen Öffentlichkeit. Wer sind sie, und was trennt sie voneinander?
Jozef Žuffa: Vor einigen Jahren dachte ich, dass Religion die wichtigste Rolle im Kampf der Weltanschauungen spielt. Doch die Grenze verläuft anders. Es gibt mehrere Komponenten, die Gräben aufgerissen haben. Einerseits die langjährige populistische Regierung Robert Fico, andererseits auch die Kirche. 62 Prozent der Slowak/innen deklarierten sich bei der letzten Volkszählung als katholisch. Inwiefern trägt die katholische Kirche zur Spaltung der Gesellschaft bei? Und wieso geht es in anderen Ländern anders? Diese Fragen gehören zu meinem Forschungsbereich. Obwohl seit der Samtenen Revolution über 30 Jahre vergangen sind, spielt die kommunistische Vergangenheit des Landes eine Rolle. Die Kirchen haben in kommunistischer Zeit gegen einen klaren Feind gekämpft, nämlich das Regime. Sie haben diesen Kampf so verinnerlicht, dass der Kampf gegen einen Feind bis heute identitätsstiftend ist.

Von welchem Feind ist die Rede?
Žuffa: Der Kampf richtet sich nun gegen die „westliche Welt“. Trotz der EU haben wir es nicht geschafft, einen gemeinsamen kirchlichen Raum zu bilden. Das Flüchtlingsjahr 2015 war symptomatisch. Es hat sehr lange gedauert, bis die slowakische Kirche ihre Position gefunden hat, nicht nur über die „Gefahr“ zu sprechen! Bis sie darauf gekommen ist, dass der faire Umgang mit Fremden ein Anliegen der Kirche ist und dass es sich hier um Menschen handelt, die in Not sind. Man hat sowohl im Staat als auch in der Kirche Politik mit den Flüchtlingen gemacht. Die Öffentlichkeit blickte nur auf die „Gefahr“, und die Kirche machte lange mit.

Migration ist auch in Österreich ein heiß umstrittenes Thema.
Žuffa: Ja, aber die Kirche steht mehr auf Seiten der Flüchtlinge. Zwei zentrale Themen im slowakischen „Kulturkampf“ sind außerdem Abtreibung und Homosexualität. Das Muster der Kirche in diesen Fragen ist „Es gibt Feinde, und wir haben die Wahrheit.“ Die „westliche Welt“ habe eine Ideologie ausgedacht, die sogenannte „Gender-Ideologie“. „Gender“ ist sehr oft Thema in Predigten! Die Angst vor dem Thema gibt es auch in Österreich oder Deutschland. Aber in der Slowakei beherrscht sie den Mainstream. Viele Gläubige sind nicht zufrieden mit dem kirchlichen „Mainstream“, aber sie kennen keine Denkmuster, die Alternativen für sie sein könnten. Die Kirche hat eine so starke innere Kultur aufgebaut, dass es keinen Raum gibt für innerkirchlichen Austausch zwischen den Meinungen. Johannes Paul II. hat dafür gesorgt, dass es eine klare Trennung zwischen „Wahrheit“ und „Unwahrheit“ gibt.

„Der Kampf richtet sich nun gegen die ‚westliche Welt‘.“
Jozef Žuffa

Und es darf nur eine „Wahrheit“ geben?
Žuffa: Ja. 2019 machte eine Forschungsgruppe eine repräsentative Umfrage nur unter katholischen Slowak/innen, welchem der letzten drei Päpste sie sich am nächsten fühlen. 65 % sagten Johannes Paul II., 5 % Benedikt XVI. und knapp 20 % Franziskus. Das ist ein Indikator für uns, wie die Einstellung ist. Die Suche nach neuen Antworten ist mit Papst Franziskus verbunden. Sie gehört aber nicht zum Verständnis des Mainstream-Katholizismus. Es wird also noch dauern bis zu einer Wende. Die zivile Gesellschaft hat unterdessen Entwicklungsschritte gemacht, die in der Kirche noch ausstehen. Und zwar auch in Kernthemen der Kirche wie Solidarität oder Nächstenliebe. Die zivile Gesellschaft ist da einfach weiter. Ich sehe das übrigens auch in der „Westkirche“, dass die Kirche hinter der Gesellschaft herhinkt in Themen, die für die Kirche wesentlich sind.

Wie groß ist die Distanz dazwischen?
Žuffa: Dafür ist die „Gender-Bombe“ ein wichtiger Indikator. Es gibt aber auch andere Indikatoren. In der Kirche meint man zum Beispiel, wir machen die Schulen besser und die Caritas besser, weil wir die Werte haben. Ich sehe das kritisch. Die Zivilgesellschaft hat messbare Qualitätskriterien eingeführt. In der Kirche denken wir nur, dass wir es besser machen. Die gezielte Qualitätsentwicklung fehlt in der Kirche. In der öffentlichen Auseinandersetzung ist das schwierig. Eine Seite spricht von „tiefen Werten“, und die andere Seite versteht nicht ganz, warum ihre Werte nicht so tief sein sollen. Das verstärkt die Grenzen zwischen den Parteien. Oder zum Thema Abtreibung: Es geht auch in der Zivilgesellschaft nicht darum, „nicht für das Leben“ zu sein. Es wird aber oft vereinfacht so dargestellt: Wer nicht „für das Leben“ ist, sei „gegen das Leben“. Das stimmt ja nicht! Wir haben viel zu viele Schlagwörter. 

Welche Schlagwörter gibt es noch?
Žuffa: Schauen wir uns noch einmal das Gender-Thema an. Das vorgegebene Denkmuster ist: „Das Thema kommt von ‚außen‘, es ist ein Produkt der super-liberalen Westeuropäer. Wir lassen uns die Familie nicht zerstören.“ Viele Gläubige wissen, dass etwas nicht stimmt mit diesen einfachen Denkmustern. Aber es gibt nur eine Linie. Falls die Linie falsch ist, gibt es in der Kirche keine Selbstkorrektur. Das hat Folgen in zwei Richtungen: Für die Nicht-Theologen unter den Gläubigen, dass sie keine Auswahl haben, und für die Politik. Die Monokultur der Kirche fördert Extreme. Trotzdem gibt es noch Leute, die fähig zum Dialog sind! Aber wir haben immer weniger Möglichkeiten zum Dialog zwischen den großen Lagern. Das Phänomen gibt es auch in anderen Ländern.

Trotz der Warnungen slowakischer Bischöfe wurde die fortschrittliche Juristin Zuzana Čaputová 2019 zur Staatspräsidentin gewählt. Wie schätzen Sie das ein?
Žuffa: Der „Kulturkampf“ tobte auch während des Präsidentschaftswahlkampfes. Aber wenn es darauf ankommt, haben die Slowaken offenbar die Kraft, antidemokratische Strömungen zu korrigieren. Čaputová hat, wie der österreichische Bundespräsident, keine große Macht in der Tagespolitik. Aber ihre Stimme ist zu hören, und sie wirkt ausgleichend. Ihre Stimme entschärft den eskalierenden Kulturkampf. Das Schlagwort „liberal“ würde ich nicht für sie verwenden. „Liberal“ ist zu einem Kampfwort geworden und meint die, die „unsere Werte“ zerstören wollen.

Erzbischof Róbert Bezák von Trnava, der 2012 ohne jede Begründung des Amtes enthoben wurde, war wohl auch als „liberal“ eingestuft. Er war am 24. Juni als persönlicher Gast bei Papst Franziskus, nun kocht die Gerüchteküche, dass der Bischof auf dem Abstellgleis (der zuletzt Religion unterrichtete), doch rehabilitiert werden könnte. Wie sehen Sie das?
Žuffa: Ich muss dazu sagen: Ich habe keine Hintergrundinformationen, ich weiß auch nur, was ich in den Medien gelesen habe. Es weiß wohl niemand genau, was passieren wird. Bei Bezáks Abberufung 2012 hat man zum ersten Mal gesehen, wie groß die Spannungen in der Kirche bereits waren. Der Fall war ein Jahr lang medial sehr präsent, danach wurde es stiller. Das Thema wurde aber nie aufgearbeitet. Durch einen kleinen Hoffnungsfunken ist es nun sofort wieder zurück. Die Emotionen sind erwacht, vor allem, weil es bis heute keine offizielle Begründung für die Entscheidung gibt.
Was erwarten Sie vom bevorstehenden Papstbesuch für die Slowakei?
Žuffa: Die Stimmung in der „Mainstreamkirche“ ist für Papst Franziskus nicht so feurig, wie sie für Johannes Paul II. war. Seine Prioritäten bringen unsere selbstgebaute Stabilität ins Wanken, wenn man sie ernstnimmt. Viele Priester zeigen offen, dass sie mit ihm nicht einverstanden sind. Trotzdem freuen sich viele in der Kirche auf den Papstbesuch!

„Die Stimmung ist für Papst Franziskus nicht so feurig, wie sie für Johannes Paul II. war.“
Jozef Žuffa

Welche Rolle nehmen Sie in der slowakischen Kirche ein?
Žuffa: Ich bin nicht allein mit meinem Denken, aber es sind nur kleine Inseln. Ich selbst komme aus einem konservativen Hintergrund und merke, dass es mich weitergebracht hat, die Offenheit zu finden. Ich möchte gerne eine Stimme sein für die suchenden Gläubigen in der Slowakei, die mit der Monokultur nicht zufrieden sind, aber keine Alternativen sehen.

Jozef Žuffa lehrt Pastoraltheologie an der Universität von Trnava. Sein Doktorat machte der Dozent in Wien.

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